Vor kurzem hat Ofenschlot noch bemerkt, dass „Der Kommende Aufstand“ bisher vor allem in bürgerlichen Medien rezipiert wurde, und das durchaus mit Begeisterung. Die linken Publikationen hätten sich auffällig zurückgehalten und dies sagt Ofenschlot zufolge schon etwas über den Status aus, der dem Manifest des Unsichtbaren Kommitees zukommt.
Nun hat die Jungle World eine Kritik vorgelegt – und die fällt so aus, wie man sich das bei der Jungle World denken konnte:

Bei der Lektüre des anarchistischen Manifests stößt man auf bekannte Denkfiguren aus den Arbeiten der Gruppe Tiqqun, insbesondere die wichtigste Idee der Gruppe: den Gedanken einer kybernetischen Verfassung der Macht im 21. Jahrhundert – das heißt einer »dezentralisierten Macht«, die sich in Verkehrs-, Energie- und Computer-Netzwerken organisiert, wie es in »Der kommende Aufstand« heißt: ein Totalitarismus der blanken Technik, ein »Imperialismus des Relativen«. Für die Autoren ist dieses Konstrukt vor allem durch seine »Zerstörung sämtlicher Verwurzelungen« gekennzeichnet.

Gerade bei diesen Kernthesen des Buches muss die Sympathie aufhören, die man der Gruppe wegen ihres traurigen – nicht heroischen – Schicksals schuldet. Denn diese Gedanken sind zu eng mit der deutschen Ideengeschichte verwoben, als dass man sie auch nur in Erwägung ziehen könnte.

Statt eine vernünftige Kritik der linken Heidegger-Rezeptionslinie in französisch-sprachigen Theorieraum vorzulegen wird das Schreckgespenst „deutsche Ideologie“ hervorgeholt. Das Problem daran ist, dass gerade bei den Antideutschen ziemlich willkürlich alles mögliche mit deutscher Ideologie assoziiert wurde. Statt also den Schmitt richtig zu kritisieren, hat man ihn hier zumindest im Sinne der Freund-Feind Unterscheidung angewendet und ihn damit keinesfalls widerlegt, sondern eher bestätigt.

Dasselbe gilt für Heidegger-Disse. Da kann man sich auf sein Mitmachen im Nationalsozialismus stürzen und das nicht zu unrecht. Aber Heidegger ist nicht durch den Nationalsozialismus groß geworden, sondern hat bereits 1927 sein erstes Hauptwerk veröffentlicht. Wenn man den kritisiert, dann bitte am Werk und nicht mit von Adorno geklauten und zum Diss verkürzten Schlagworten. Nicht dass ich hier den Heidegger von seinen Taten reinwaschen möchte, aber es ist einfach extrem plump, wenn man eine Theorie diskreditieren will und dabei nicht auf die Theorie, sondern auf der Person des Autors oder der Autorin rumhackt.
Nun muss natürlich die Kritik an Heideggers Philosophie nicht erst erfunden werden, sondern die gibt es ja schon. Einem kritischen Beitrag – oder kritisch gemeinten Beitrag wie in der Jungle World – steht es aber meiner Meinung nach besser zu Gesicht auf diese Kritiken am Werk bezug zu nehmen und sie ggf. noch mal zu erklären, als mit einer Zuordnung zur deutschen Ideengeschichte jede weitere Beschäftigung dogmatisch abzubrechen.
Zur deutschen Ideengeschichte gehört ja auch Marx, zu dessen Werk wiederum auch die deutsche Philosophie vor ihm gehört. Und zur deutschen Ideengeschichte gehört eben auch die Kritische Theorie auf die ja in der Jungle World immer wieder gerne bezug genommen wird.