Gastbeitrag von elle joue son va-tout übernommen von Indymedia

Seit weit über hundert Jahren ist der Erste Mai der Kampftag der Arbeiter_innen. In MV aber steht in erschreckender Regelmäßigkeit die menschenverachtende Ideologie der Nazis auf der Tagesordnung, anstelle einer emanzipatorischen Kritik an der Lohnarbeit. Dabei zeigt letztere bei weitem die aussichtsreichsten Perspektiven auf.
Die kapitalistische Gesellschaft ist um die Lohnarbeit herum aufgebaut. Während Staat und Unternehmen bemüht sind, die Menschen in Arbeitsverhältnisse zu drängen, versuchen diese, sich dem Produktionsprozess mittels Studium, Arbeitszeitverkürzung, oder sonstigem zu entziehen. In den Arbeitsagenturen wird selbst gegenüber den Menschen Druck aufgebaut, die für die Wirtschaft »überflüssig« sind, auf deren Arbeitskraft im Sinne der gesellschaftlichen Produktivität verzichtet werden kann. Selbst als Bezieher_in von Sozialleistungen werden die Menschen immer wieder gezwungen, in das Haifischbecken der Konkurrenz zu springen.
Doch auch die Ruhe an der Uni ist eine falsche, denn um den kapitalistischen Wettbewerb kommt keine_r herum. Spätestens an der Supermarktkasse muss ein eigener Wirtschaftsplan inklusive Kostenminimierung und Nutzenmaximierung erstellt werden. Es gibt keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens, der nicht von der kapitalistischen Logik in irgendeiner Weise betroffen ist. Der Wirtschaftsboss ist der Profit-Logik genauso unterworfen wie die alleinerziehende Hartz-4-Bezieherin, die an ihr scheitert. Die Studierenden werden mit der Bologna-Reform durchs Studium gehetzt, um dem Arbeitsmarkt möglichst schnell zur Verfügung zu stehen. Wer nicht eingestellt wird, muss sich als freiberuflicher Selbstständiger wie ein Unternehmen vermarkten. Denn unter den herrschenden Zuständen ist es nur möglich, seine Bedürfnisse zu befriedigen, wenn man vorher etwas zu Markte getragen hat. Für diejenigen, die nicht über Waren oder Gegenstände zur Warenproduktion verfügen, bleibt hierfür nur der Arbeitsmarkt. Genau dort ist der Mensch dazu gezwungen, Lohnarbeit zu verrichten. Das begreifen wir spätestens, wenn mit schlechten Chancen auf eben jenem Arbeitsmarkt gedroht wird.
Dass diese Drohung funktioniert, liegt an der Weise, in der die kapitalistische Wirtschaft arbeitet: durch die am Arbeitsmarkt erpresste Lohnarbeit wird ein Mehrwert geschaffen, der bei den Unternehmer_innen verbleibt. Mit diesem tätigen sie neue Investitionen und können, wenn alles gut geht, neuen Mehrwert abschöpfen. Diese logische Kette läuft endlos fort und genau in ihr besteht die ganze Dynamik des Kapitalismus.
Das zeigt auch, dass es im Kapitalismus nicht darum geht, den Menschen gutes zu tun. Sie in Lohnarbeit zu bringen ist nur ein notwendiger Teil eines Gesamtprozesses, der lediglich darauf abzielt, Profit zu erwirtschaften. Alles andere; edle Absichten, idealistische Ziele, Menschenliebe, mag es auf Seiten von Unternehmer_innen auch geben, es ist und bleibt im Kapitalismus aber immer eine Nebensache. Der Kapitalismus ist keine Veranstaltung zum Wohle der Menschen. Neben ungeheurem Reichtum produziert die Markwirtschaft zwangsweise immer auch Armut, weil dieser Reichtum, der nur durch die Gesellschaft geschaffen werden konnte, größtenteils in den privaten Händen von Wenigen verbleibt.
Doch wie die Lohnarbeit das Zentrum des Kapitalismus ist, ist eben auch die Art der Produktionsweise der Schlüssel zur gesellschaftlichen Veränderung. Die Lohnarbeit ist die Quelle von Mehrwert und damit von Profit, und dieser wiederum ist für die Marktwirtschaft unerlässlich. Daher versteht es sich von selbst, dass alle Verhältnisse so eingerichtet sind, die Menschen in bezahlte Arbeitsverhältnisse zu zwingen.
Die Pointe dieser Wirtschaft ist jedoch auch hoffnungsvoll. Denn es wird zwangsweise immer mehr Reichtum angehäuft, der sich in freigewordener Zeit durch technischen Fortschritt ausdrückt. Die lohnabhängige Produktion schafft also nicht nur das Kapital zur eigenen Beherrschung, sondern auch die technischen Möglichkeiten zur eigenen Abschaffung.
Genau dieser Widerspruch zwischen der schwindenden Notwendigkeit von manueller Arbeit und dem unausweichlichen Zwang des Arbeitsmarktes, unterstützt vom bürgerlichen Staat, ist die Grundlage für den Kampf um ein besseres Leben, das nicht vom Zwang zu Arbeit und Verwertung geprägt ist.
Oft wird eingewendet, eine Entwicklung über die Lohnarbeit hinweg sei nicht möglich, weil die Menschen eben »so seien«. Allerdings brachte schon der Kapitalismus eine ungeheure Menge an Hilfsmitteln hervor, mit denen sich die Gesellschaften immer weiter entwickelt haben. Es ist nicht einzusehen, weshalb eine so ungeheuer weit entwickelte Gesellschaft möglich war, aber eine Gestaltung dieser zum Wohle aller Menschen nicht möglich sein soll.
Wenn auch allgemein bekannt ist, dass die Nazis, wie sie am 1. Mai in Greifswald aufschlagen werden, ohnehin nicht Freunde der Menschheit, geschweige denn der lohnabhängigen Klasse sind, so ist die Perspektivlosigkeit, die ihre Propaganda bietet, doch von haarsträubender Naivität untermalt. Entgegen dem Hoffnungsschimmer auf ein würdiges Leben jenseits des Arbeitsmarktes, treiben sie den Verwertungszwang, den Staat und Wirtschaft auf uns ausüben, schlichtweg auf die Spitze. Ihrem Aufruf ist explizit die Angst um den »eigenen« Arbeitsmarkt zu entnehmen, der trotz seiner Grausamkeit gegenüber Hartz-4-Empfänger_innen und anderen finanziell Schlechtergestellten als Hort der Unbeschwertheit den imaginierten nicht-deutschen Lohnabhängigen entgegengestellt wird.
Der »nationale Widerstand« radikalisiert in seinen Forderungen nur den Druck der herrschenden Verhältnisse und verbindet diese mit der den Nationalsozialisten nicht austreibbaren Verachtung gegenüber allem, was ihrer Beschränktheit entflieht.
Daher gilt es kurzfristig, ihnen am 1. Mai entschlossen entgegenzutreten, sowie es langfristig gilt, die Produktionsverhältnisse umzuwerfen, die uns die Zeit für ein sorgenfreies Leben stehlen. Wir wollen eine Gesellschaft, in der die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist. Dies ist nur mit einer Perspektive jenseits der Lohnarbeit zu realisieren.
Die Produktion muss in die Hände der gesamten Gesellschaft gelegt werden, um den Bedürfnissen aller Menschen zugute zu kommen.
Daher kann der Kampf der lohnabhängigen Klasse nichts anderes als deren eigene Abschaffung zum Ziel haben. Diese Abschaffung nimmt keinem die Macht, sich gesellschaftliche Produkte anzueignen. Sie nimmt aber die Macht, sich durch diese Aneignung anderer Menschen Arbeit zu unterjochen.