„Ich glaub es geht schon wieder los“ – Willi Herren

Der Initiator des SPD Portals Endstation-Rechts, Mathias Brodkorb hat ein neues Buch veröffentlicht. Der umstrittene Landtagsabgeordnete beschäftigt sich darin mit dem Historikerstreit zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas. Bereits der Titel lässt nichts Gutes ahnen. In der Vergangenheit war der SPD Politker immer wieder für sein wohlwollend interessiertes Anteilnehmen an den Diskursen der sog. Neuen Rechten, sowie wegen seines Verfechtens der Extremismusideologie kritisiert worden.

In einem der Veröffentlichung vorangestellten Text geht Mathias Brodkorb auf den Sachverhalt ein, dass es ihm offenbar nicht gelungen ist, Jürgen Habermas von einem Beitrag zu seinem Sammelband zu überzeugen. Das wäre natürlich ein Name gewesen, mit dem man sich hätte schmücken können, wenn man sich im akademischen Betrieb ebenfalls einen guten Namen machen will. Auf den Umstand, dass dies nicht funktoniert hat, reagiert Brodkrob allerdings in einer Art und Weise, die sehr unsouverän erscheint. Um dem einstigen Akteur im Historikerstreit eins auszuwischen, legt der Verschmähte einen Text vor, in dem er gegen Habermas schießt und seine Präferenz gegenüber der Position Noltes andeutet. Der hatte ihn aber auch freundlich zu sich in die „bürgerliche Berliner Stadtwohnung“ eingeladen, wo man dann in einem „kleinen Salon unweit der Eingangstür“ zwei Stunden lang ein Gespräch über den Historikerstreit führte.

Im Text auf ER wirft er Habermas nun vor, seiner eigenen Theorie untreu zu werden, weil der es ablehnt im neuen Buch eines Landtagsabgeordneten im beschaulichen Mecklenburg Vorpommern zu erscheinen, der zwar auch ein Philosophiestudium abgeschlossen hat, sich aber berufsmäßig mit lokaler Politik im Agrarland beschäftigt:

Die Eintrittskarte in den Kosmos der Rationalität ist auf Seiten der Personen also deren Bereitschaft, sich der argumentativen Auseinandersetzung überhaupt zu stellen. An der Schlussfolgerung, dass Habermas‘ Verhalten nach seinen eigenen Maßstäben im Falle des Historikerstreits somit als vorrational, voraufklärerisch und damit auch vormodern etikettiert werden muss, dürfte wohl kaum ein Weg vorbeiführen.

Natürlich ist Jürgen Habermas nicht gezwungen, einem Denken Anerkennung zuteil werden zu lassen, dass er bereits vor 25 Jahren mit guten Gründen kritisiert hat. Denn tatsächlich impliziert die aufrichtige Teilnahme am herrschaftsfreien Diskurs Anerkennung. De Facto hat Habermas mit seinen Interventionen dem Kontrahenten eine solche Anerkennung als Gegner ja nicht einmal vorenthalten, denn schließlich hat er gegen ihn argumentiert. Diese Argumente kann man prüfen und für plausibel oder unplausibel halten, aber es gibt kein gutes Bild ab, wenn ein Jung-Akademiker bitterböse Artikel veröffentlicht, weil ein Jürgen Habermas kein Interesse hat, sich mit einem Kommunistenjäger auf ein Podium zu setzen.

Doch nehmen wir den Brodkorb in seinem Argument einmal ernst und lassen es gelten. Gesetzt, ein solcher Schluss vom Handeln der Person auf den Gehalt und/oder den Status einer von ihr vorgelegten Theorie ( – was im Grunde natürlich ein sachfremdes Argument wäre – ) sei erlaubt, so stellt sich die Frage, wie es eigentlich um das von Brodkorb im Text postulierte Wissenschaftideal bestellt ist?

Brodkorb hatte, zum Zwecke der Suggestion, Habermas weigere sich nach 25 Jahren seinen Fehler einzugestehen, ein Ideal postuliert, an dem er argumentations-strategisch gemäß dieser Suggestion zum Scheitern gebracht werden soll. (Woraus folgen würde, dass man dem Nolte trauen, kann, weil der einen in die bürgerliche Stadtwohnung einlädt und dem Habermas nicht, weil der zwar vom eigentümlich Zwanglosen Zwang des besseren Arguments schreibt, aber nicht beim Brodkorb ein Interview oder Aufsatz schreiben möchte.) Dieses brodkorbsche Ideal des Wissenschaftlers besagt:

Viel entscheidender als das erworbene Wissen kennzeichnet Wissenschaftler vor allem ihr Charakter. Das Entscheidende, was jungen Menschen an einer Universität widerfährt (oder eben auch nicht), ist nicht das Aufnehmen von Informationen und die Aneignung abstrakter Theoriegebäude, sondern die Erziehung zum Habitus des Wissenschaftlers, zur unbedingten Suche nach der Wahrheit und zum Ethos der Authentizität. Wissenschaft im eigentlichen Sinne ist also vor allem eine Charakterfrage. Wo Wissenschaft und der ihr zugehörige Charakter der Authentizität voneinander entkoppelt sind – und dies geschieht in der real existierenden Wissenschaft häufig genug –, wird aus dieser Disziplin ein Kampf um Ehre und Eitelkeiten oder politische Vorherrschaft, in dem die Theorien vom eigentlichen Zweck des Handelns zum lediglich unvermeidbaren Spieleinsatz degradiert werden. Sie geraten vom Fluchtpunkt der eigenen Identität zu bloßen Instrumenten der Selbstdarstellung und Waffen der öffentlichen Niederringung des Gegners.

In den Kommentaren versucht er sich bereits gegen Kritik abzusichern und schiebt nach, dass dies ja selbstverständlich als ein normativer Geltungsanspruch (, um hier doch einmal den Jargon der Theorie des kommunikativen Handelns zu nutzen,) zu verstehen sei. Auch dies sei zugestanden. Aber nun Herr Brodkorb: Was haben sie in ihrer Funktion als Experte für Bildungspolitik in der Regierungskoalitionspartei SPD denn dafür getan, dass ein solches Wissenschaftsideal in der Realität umsetzbar ist? Was haben sie gegen die Blödmaschine (Seeßlen/Metz) Bologna getan? Wie steht es in MV mit einer repressionsfreien Bildungsförderung? Und was sagt uns das über ihre Redlichkeit als Akademiker aus, dass sie, wenn es ihren äußerlichen Zwecken nützlich ist, das Hohelied auf die humanistische Bildung singen, während an der Basis, nämlich an der real-existierenden Universität aber auch gar nichts davon zu vernehmen ist, dass sie gegen, die von der Bildungsstreikbewegung immer wieder kritisierten Mißstände je erfolgreich etwas unternommen haben?

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Begeisterten Beifall bekommt er bezeichnender Weise ja bereits aus der rechten Ecke. Nicht nur Jürgen Schwab, der unter Nazis(!) als Intellektueller gilt, sondern auch das NPD-Organ MUPinfo begrüßt Brodkorbs Mission. Ironischerweise sollte sich das Portal ER ja einmal gegen die NPD im Landtag richten. Was sagt uns das, um nun ein letztes Mal diese rhetorische Figur der Suggestiv-Frage, der sich Brodkorb ja sehr gern zu bedienen scheint, zu nutzen, über die theoretische Ausrichtung und Aufrichtigkeit, wenn der erklärte Gegner aufrichtiges Lob für die Arbeit von Endstation Rechts findet und der eigenen Klientel das Lesen von Brodkorbs Buch empfiehlt?