Mahngang Täterspuren in Dresden 2012(Bild via Kombinat Fortschritt)

Peter Nowak schreibt auf heise.de einen Beitrag zum diesjährigen 13. Februar in Dresden. Er stellt dort fest, dass in diesem Jahr anders als in den Vorjahren die Menschenkette und nicht die Blockaden des antifaschistischen Bündnisses im Mittelpunkt des Medieninteresses stand. Im Folgenden kritisiert er, dass die die Motivation der Teilnehmer an der Menschenkette durchaus diffus blieb. Bei aller Kritik am bürgerlichen Gedenkzirkus und dem weiterhin wirkmächtigen Opfermythos sollten aber nicht die massiven Verschiebungen der politischen Kräfte-Verhältnisse aus den Augen geraten, die der Februar Dresden in den vergangenen drei Jahren erlebt hat.

Im Beitrag von Nowak heißt es in Bezug auf die mutmaßlichen Motivationen für eine Teilnahme an der Menschenkette: „Einige wollten damit gegen den rechten Aufmarsch, andere gegen Gewalt und für Toleranz und wieder andere gegen die Bombardierung Dresdens ein Zeichen setzen.“ Des weiteren vermutet er, dass wahrscheinlich bei vielen die Motivation für die Beteiligung an den Demonstrationen der Schutz der Stadt war, wobei unter dem Unheil von außen Unterschiedlichstes verstanden wurde, alliierte Bombenangriffe, Nazis oder Antifaschisten. Pointiert wird dies mit Äußerungen von einem der Organisatoren wonach auch die Nazis in die Gemeinschaft eingegliedert werden sollten:

„All diejenigen, die rufen, Nazis raus, die bitte ich, doch mal kurz inne zu halten und zu überlegen, ob es nicht besser heißen müsste – Sie entschuldigen, wenn ich es so deutlich sage: Nazis rein. Ein Nazi als Nazi ist in unserer Gesellschaft natürlich unerwünscht, aber insofern er unser Mitmensch und unser Mitbürger ist, müssen wir alles tun, um ihn in die Gesellschaft zu integrieren.“

Was ist davon zu halten? Man sollte hier nicht vergessen, dass die Menschenkette ein Projekt der CDU-Bürgermeisterin gewesen ist mit dem sie auf die Versuche der Antifaschistinnen und Antifaschisten gemeinsam mit den fortschrittlichen Kräften der Zivilgesellschaft gegen den Naziaufmarsch vorzugehen, reagierte. Von daher ist das ganze Projekt der Menschenkette ein allerhöchstens bürgerlich, antifaschistisches. Dass hier Haltungen zu Tage treten, mit denen die radikale Linke aus guten Gründen ein Problem hat verwundert also auch nicht. Damit wäre aber das Problem des Beitrages von Nowak angesprochen, die unklare Rolle der Bürgerinnen und Bürger im Dresdener Protestgeschehen. Es ist sicherlich auch weiterhin richtig, dass der Opfermythos gegen den das Bündnis Dresden Nazifrei mit einerm Mahngang vorgehen wollte weiter in den Köpfen vieler Menschen seinen Platz hat.
Und nun kommt auch das „Aber“: Denn in diesem Jahr sind innerhalb der ersten Stunde enorm viele ältere Bürgerinnen und Bürger mit angesteckten Weißen Rosen, dem Zeichen der Menschenkette auf der großen Blockade am World Trade Center aufgetaucht. Nur weil die Bürgermeisterin der CDU mit der Menschenkette einen Rahmen geschaffen hat, in dem Bürgerinnen und Bürger im Sinne dieser Bürgermeisterin ein Zeichen gegen die Nazis und für das Gedenken setzen können, bedeutet dies nicht, dass die Zielgruppe für immer und ewig abseits des eigentlichen Geschehens fragwürdige Symbolpolitik machen will. Es ist eben ein politischer Kampf um ein sehr umkämpftes Terrain, der dazu führte, dass die Massenblockaden als Mittel des zivilen Ungehorsams solch große Erfolge feiern konnte. Hinzu kommen die ganz handgreiflichen Erfahrungen, dass ein anderer Umgang mit dem 13.Februar möglich ist. Keine Rentnerin, die sich auf der Wilsdruffer Straße beeilt hat, mit den meist viel jüngeren Blockierer_innen Schritt zu halten, um dann doch gemeinsam und erfolgreich die Nazis zu blockieren, wird noch den Schwachsinn glauben, dass die Menschenkette selbst irgendetwas Effektives gegen die Nazis ausgerichtet hätte.


Nicht lang fackeln! Naziaufmärsche Blockieren! (Bild via Kombinat Fortschritt)

Ein weiteres Beispiel für den gegen-hegemonialen Charakter des Projektes Dresden Nazifrei ist ein Block von Christen gewesen, der auf der Blockade mit Transparent und Schildern auftaucht. Im gewissem Sinne ist das Blockieren aus Sicht der christlichen Lehre eine völlig konsequente Praxis der Feindesliebe: Um des eigenen und des Seelenheils der Nazis willen muss man sie in ihrem zerstörerischen Treiben stoppen. Eine ganz einfache Sache. Eigentlich. Jahrelang gab es aber diese Möglichkeit des gemeinsamen politischen Handelns nicht. Vielmehr war das Feld dadurch gekennzeichnet, dass es den Nazis möglich war mit dem stillen Gedenken eine Schnittmenge zu nutzen, um weit in die Gesellschaft und damit über die eigenen Kreise hinaus auszugreifen. Antifaschistinnen und Antifaschisten haben dagegen mit ihrer Maximalkritik erfolgreich einen klaren Antagonismus artikuliert. Das Problem ist aber auch gewesen, dass diese Artikulation den Nazis bereitwillig weite Teile des Feldes überlassen hat. Wer zwischen gedenkenden Bürger_innen und marschierenden Nazis nicht differenziert, kann im Feld der Bürgerinnen und Bürger keine Bündnispartner_innen sehen.
Ein gegen-hegemoniales Projekt – das bedeutet, dass man die Zusammenarbeit von Gedenkzirkus und Naziaufmarsch herausfordert, indem man sich um die Bürger bemüht und einen neuen Antagonismus artikuliert, der sich ganz klar gegen die Nazis richtet, aber die Bürger nicht mehr einer pauschalen Fundamentalkritik unterzieht und sie statt dessen einlädt am Kampf gegen die Nazis zu partizipieren. Das Mittel der Massenblockaden stellte in diesem Zusammenhang einen Weg dar, der von bürgerlichen Kräften und von autonomer Antifa ein Aufeinanderzugehen verlangte. Wer dies als Verbürgerlichung der Antifa kritisiert, sollte nicht vergessen, dass es gleichzeitig eine Radikalisierung der beteiligten Bürger_innen bedeutete. Hier fand also genau das statt, was zuvor von Teilen der Antifa als unmöglich postuliert wurde.

Auch nach dem 13. Februar 2012 wird man sie finden die Bürgerinnen und Bürger, die in stillem Gedenken verharren wollen, oder solche die Angst vor linken Krawallmachern haben und vielleicht auch noch solche die beschwören würden sie seien damals auf den Elbwiesen von tieffliegenden Jagdflugzeugen zusammengeschossen worden. Aber mit dem diesjährigen Jahrestag ist es zum ersten Mal gelungen den Trauermarsch der Nazis selbst mit Blockaden massiv zu stören und de-facto zu verhindern. Und daran haben eine ganz große Zahl von Bürgerinnen und Bürgern ihren Anteil gehabt.