Nachdem gestern abend in der traditionellen Berliner Runde Spitzenpolitiker zum Ausgang der Wahl im Saarland befragt wurden, macht ein großer Aufreger die Runde. Der Generalsekretär der Splitterpartei FDP, Patrick Döring hatte das “Politikbild” der Piratenpartei, die mit 7,4 Prozenten aus dem Stand die beiden liberalen Konkurrenten Grüne und FDP überholte, als von der “Tyrannei der Masse” geprägt bezeichnet. Spiegel-Online ist heute vormittag dementsprechend auf die Suche nach einem erwartbaren Shitstorm gegangen und fündig geworden. Abseits von Linksammlungen zu Empörungstweets, ist es aber interessanter sich noch einmal vor Augen zu halten, was hinter Dörings Aussage steckt. Denn von einer Tyrannei der Masse zu sprechen ist kein Geistesblitz der neoliberalen Wahlverlierer gewesen. Vielmehr steckt hinter dieser Bezeichnung das älteste anti-demokratische Vorurteil das es gibt.
„das tun, was einem jeden zukommt“
Es ist so alt, wie unser Verständnis der Politik überhaupt und reicht zurück in die griechische Antike in der die Demokratie etwa bei Aristoteles als eine Verfallsform der πολιτεία angesehen wurde. Diese war hingegen eine legitime Mehrheitsherrschaft, welche auf einer Mischverfassung aus Prinzipien der Oligarchie und Demokratie basiert. Die antiken politischen Philosophen gingen davon aus, dass die Armen, wenn sie an die Macht kämen, sich nicht vom Verstand leiten lassen würden. Vielmehr unterstellte man, dass sie sich aufgrund ihrer Not am Gemeinwesen bereichern würden und das Gemeinwohl und der Staat so Schaden nehmen könnten.
“Tyrannei der Masse” erinnert aber nicht nur an die antiken Ansichten von der Mob- und Pöbelherrschaft, sondern auch an Alexis de Tocquevilles Schrift “Über die Demokratie in Amerika” in der sich der, dem revolutionären Terreur in Frankreich entkommende Adlige trotz aller Skepsis nahezu euphorisch über das neue Prinzip der Demokratie äußert, dass sich im unabhängig gewordenen Amerika zeigt. Allerdings warnte de Tocqueville vor einer Tendenz zur Tyrannei der Mehrheit und meinte damit, das Problem des Minderheitenschutzes in einem politischen System, in dem der uneingeschränkte Souverän das Volk selbst ist. Die Debatte zwischen Positionen wie der von einem Rouseauschem Allgemeinwillen des Volkes und der Warnung vor einer Tyrannei der Mehrheit und den Gefahren des Souveränitätsprinzips bei Tocqueville oder Benjamin Constant gehört zu den klassischen Themen der politischen Theorie- und Ideengeschichte.
Die abgeschnittenen Traditionen liberalen Denkens
Patrick Döring könnte also auf all diese Vordenker verweisen. Aber gibt es aber dennoch einen Widerspruch und der ist nicht unerheblich. Denn die FDP hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so sehr der sozial-liberalen Traditionslinie entledigt, dass sie heute genau für die Politik steht, die in der Antike mit dem Begriff der Herrschaft des Pöbels denunziert werden sollte: Eine Berreicherung durch die Mächtigen auf Kosten des Staates und des Gemeinwohls kurzum: Neoliberalismus. Der einzige Unterschied zur antiken Vorstellung der Pöbelherrschaft ist, dass die neoliberalen Apologeten in der Regel nie arm waren, sondern immer schon Klassenkampf von oben betrieben haben.
Auch wenn nun wieder eine halbe Woche lang überall Artikel voller Verwunderung und/oder Abgrenzungen zum Thema Wahlerfolg der Piraten erscheinen werden, sollte klar sein, dass der Erfolg der Piraten lediglich indiziert, dass im Parteienspektrum eine echte liberale Position vakant gewesen ist, die sich den Fragen nach den Bürgerrechten aufrichtig und auf der Höhe der Zeit widmet. Und um gleich noch eine zweite These hinterher zu werfen, die Grünen haben sich in der Berliner Republik die Hände so sehr mit neoliberaler Realpolitik dreckig gemacht, dass sie diese Position heute nicht (mehr, ohne weiteres) erfüllen (können).
Post-Skriptum
Wenn Döring sich auf Alexis de Tocqueville bezieht, dann kann dies nur hoffnungsvoll stimmen, denn es impliziert, dass der Generalsekretär der FDP davon ausgeht, dass seine Partei demnächst irrelevant ist und dennoch das Recht haben sollte an ihrem Irrglauben von Steuergeschenken für Reiche und 18% Wahlergebnisse festzuhalten, wie es das bürgerliche Recht jedem und jeder zugesteht, an welchen Schwachsinn auch immer zu glauben. Die Wahlergebnisse legen diesen baldigen Bedeutungsverlust nahe, aber die Ideologie der FDP ist noch immer hegemonial.


Hat er wahrscheinlich gar nicht gemeint, passt aber dennoch besser: http://de.wikipedia.org/wiki/Massenpsychologie_und_Ich-Analyse
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Sascha Lobo schreibt ja auf SpOn auch über einen Zusammenhang zu Gustave le Bon (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,823842,00.html), der ja immerhin in dem Freud-Text auch mit drinsteckt. Das mag auch alles sein, dass das ein interessanter Link ist, den man da sehen kann.
Aber die Kontroverse um das Volk an der Macht ist halt sehr viel älter. Mit Ranciere könnte man auch sagen, dass Politik in dem Sinne wie wir sie heute bzw. seit der Moderne verstehen (~Von den Menschen, für die Menschen, durch die Menschen), überhaupt erst in dem Moment anhebt an dem sich die Vielen geltend machen und die Macht einfordern und erringen, die durch keine Ursprungserzählung (göttliche Abkunft etc.) oder besondere Tugenden (die Arete, die Hervorragendheit , die im Begriff der Aristokratie steckt) ausgezeichnet und für die Macht bestimmt worden sind.
Mit dem Moment wo die vielen die Macht erlangen beginnt in der Antike ein Diskurs, in dem es oftmals die Philosophen sind die erklären, warum die Vielen oder die Masse im Staat keine bestimmende Rolle spielen darf. Der Kern von Dörings Argument ist also ein paar Jahrtausende alt.
Die Masse von heute ist aber selbstverständlich eine ganz andere als der dritte Stand im Ancien Regime oder die 500 Scheffler in Athen, das ist natürlich zugestanden.
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Interessanter ist doch eigentlich, was Döring danach noch gesagt hat, und was seine völlig undemokratische Geisteshaltung offenbart: Grade die echte Demokratie erfordert, daß man über Entscheidungen FREI und GEHEIM (=Anonym) abstimmen darf. Ich betone hier vor allem GEHEIM. Das kann ich zur Zeit nur als einigermaßen anonymer Internet-User. Geh ich in Bietigheim-Bissingen als vollbärtiger Althippie in die Wahlkabine, kann ich mir nicht sicher sein, daß nicht igrend ein CDU-Depp eine minute später meinen Wahlumschlag wieder rausfischt und wegwirft. Ich weiß nicht, wie weit ich den üblichen Wahlhelfern im Rentenalter trauen kann, aber in wirklichkeit nicht weiter als ich sie werfen kann.
ein anonymer, der auch nicht Sven Hilger heißt
gruß
Michael
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Hier sollte mal wohl jemand dringend den Begriff “Neoliberal” nachschlagen.
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Nö. Da steht ja, dass das fiktive Schreckgespenst der Pöbelherrschaft aus der Antike und der real-existierende Neoliberalismus der Gegenwart Unterschiede aufweisen.
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