Die jungen, wilden kritischen Kritiker haben in Rostock wieder die Blogosphäre belebt. Allerdings orientiert man sich dabei fast ausschließlich an Vergangenem, speziell an der heroischen Zeit der antideutschen Besserwisser-Bloggerei. Anlässlich eines Postings von Spielwiese (bestes Theorie-Diskutierblog der Stunde) gerät man allenthalben (hier, hier, hier) in die alte Zwickmühle und verzweifelt ob des Auseinanderfallens von Theorie und Praxis und des daher zu befürchtenden Ausbleibenens einer Revolution. Nach all der Polemik gegen die neuen Kollegen der bescheidwissenden Zunft hier ein konstruktiver Vorschlag:

Wie wäre es, wenn ihr insbesondere den geschichtsphilosophischen Marx einen Moment lang zur Seite legt und euch versucht die Revolution als etwas anderes vorzustellen als die Stürmung des Winterpalais?

Werfen wir Marx also nicht ganz weg, nehmen uns aber eine Autorin vor die Marx ausdrücklich achtet, seine Fans aber ebenso ausdrücklich kritisiert und denken mit ihr -befreit von Hegelein- die Revolution einmal anders. Oder besser gesagt, lassen wir Oliver Marchart dies für uns mit dem Werk von Hannah Arendt tun:

Es ist wichtig zu realisieren, daß Arendts Radikalität nicht in eher traditionellen Verständnis von Revolutionen als historischen Großereignissen zu suchen ist, sondern in ihrer proto-dekonstruktivistischen Theorie des Politischen. Neuanfänge strömen in jedem möglichen Ausmaß in die Geschichte. Bis auf die Extremsituation des Vernichtungslagers ist politisches Handeln so gut wie nirgends ausgeschlossen – und sei es ein Handeln unter widrigsten Bedingungen und in bescheidenstem Ausmaß. Es findet statt auf einer fließenden Skala zwischen Mikro- und Makroanfängen, und „Revolution“[im traditionellen Sinne, Anm. Blogonkel] ist nur der gängige Name für den Makrobereich am äußersten Ende der Skala. Aus dieser Perspektive auf Arendts Theorie ginge es dann mehr als um ein „Immerhin“ um ein „immer-schon“: die nächste Revolution ist immer schon unterwegs, sobald handelnd in den Fluß der Geschichte eingegriffen wird.

Oliver Marchart: Neu beginnen. S.148

Die gute Nachricht dabei ist: Es gibt keinen Grund zum verzweifeln, den Politik ist möglich. Sie und mit ihr die Öffnungen jedweden Ausmaßes finden statt wo Menschen sich gemeinsam versammeln, um zusammen zu handeln.