Hannah Wettig geht im Dossier der aktuellen Jungle World der Rolle der Frauen und der Bedeutung feministischer Kämpfe für den arabischen Frühling nach. Der Beitrag stellt verschiedene aktuelle Initiativen und Gruppen vor. Beispielsweise die Aktivistinnen und Aktivisten, die versuchen den Tahrir-Platz zu einem sichereren Ort für Frauen zu machen. Tahrir Bodyguard und andere Gruppen waren in letzter Zeit schon im Fokus der breiteren öffentlichen Rezeption westlicher Medien geraten (zum Bsp. Im Guardian und auch bei Spiegel Online). Wettigs Beitrag stellt aber auch Ansätze vor, die Geschichte der Aufstände aus weiblicher Perspektive selbst zu erzählen. Diese Initiativen sind vor allem deshalb spannend, weil eine der geläufigsten Deutungen für den Ausbruch der Aufstände sich auf die Vielzahl gut ausgebildeter junger Männer ohne Aufstiegsperspektive konzentrieren. Wettigs Beitrag korrigiert diesen Blick.

An einigen Stellen scheint sie den Feminismus im Nahen Osten jedoch noch immer sehr stark an einer westlichen Folie zu messen. Dass kann man machen und auch dabei tritt viel spannendes in Erscheinung. Eine Gefahr könnte allerdings darin bestehen, dass mit dieser Folie Aspekte von Aktivismus, Selbstorganisation und Widerstand aus der Betrachtung herausfallen, die nicht der westlichen Folie von sozialer Bewegung mit expliziter Artikulation politischer Forderungen und/oder Kritik entsprechen. Das schmählert erstmal gar nicht Wettigs Text, deren laufende Texte in der Jungle World zum Thema allerdings gerade spannend waren, weil sie ohne Abgleich mit Ayan Hirsi Ali und anderen auskamen und sich stärker auf die Akteurinnen selbst konzentrierten. Ich denke allerdings, dass wer weiter in dieses Thema hineingehen will, zum Beispiel mit Asef Bayats Thesen über die Nicht-Bewegungen und die Alltagspraxen in seinem Band „Leben als Politik“ einen guten Ansatz hat, um weiter zu lesen. Bayat stellt spezifische Formen von Aktivismus in der Region vor und versucht diese dabei stärker aus der Perspektive der Akteurinnen nachzuzeichnen– und zwar eher deskriptiv und in gewisser Abgrenzung zu den Begriffen der westlichen Politikwissenschaft, die an modernen westlichen Erscheinungsformen geprägt wurden.

Auf einer allgemeineren, theoretischen Ebene ist dieser Zugang spannend, weil der dem Gegenstand des Interesses nicht die Folie entgegenhält und ihn dann für defizitär befindet und daraus eine Ablehnung oder einen verallgemeinernden Befund über den defizitären Charakter des Gegenstands folgert. Gerade diese Operation wurde in der medialen und z.T. Auch wissenschaftlichen Rezeption der Aufstände im Jahr 2011 viel zu oft vorgeführt, bspw. wenn Politikwissenschaftler dem Gegenstand ihres Interesses vorwerfen, dass der Gegenstand sich hinsichtlich der artikulierten Äußerungen nicht auf der theoretischen Höhe befindet, die der Vorliebe der Forscher entspricht. Forscher sollen ihren Gegenstand beforschen, nicht ihn belehren.