In der Jungle World hat Simon Brüggemann einen Artikel über Tecno Brega geschrieben, dabei fällt aber auch das Buzzword Global Ghetto Tech. Dazu hatte ich mich aufgrund eigenen Interesses an den neuen hybriden Spielformen globaler Bass-Music an einem Artikel versucht, bin aber ratlos steckengeblieben. Im Folgenden versuche ich nochmal die Gedankenansätze zu sortieren. Lösungen habe ich immer noch nicht.

Das Problem an dem ich nicht weiter gekommen bin, sind sexistische Referenzen, die sich in allen möglichen Stilen wiederfinden lassen. So wurde im antirassistischen Magazin hinterland in einem kritischen Artikel über Global Ghetto Tech und die kommerziale Ausschlachtung einer SlumÄsthetik für die Popkulturmärkte des Westens thematisiert, es geht aber auch um problematische Repräsentationen:

Beispielsweise behauptet Matthias Schönebäumer in seinem Artikel »pop that ass« [in Testcard Nr. #17: Sex, 2008], die Dominanz sexueller Männerphantasien in den Tracktexten des Ghettotech sei unproblematisch, weil besonders Frauen sich auf den Ghettotechparties selbstbewusst präsentieren und gehen lassen würden. Darin glaubt er eine Form von emanzipiertem Verhalten wahrnehmen zu können. Dass es mehr braucht als ein starkes Selbstbewusstsein, um eine sexistische Gesellschaft zu verändern und die warenförmige Zurschaustellung des weiblichen Körpers in der Ghettotechzene nichts anderes als die Reproduktion des heteronormativen Geschlechterverhältnisses ist, entgeht Schönbäumer dabei glatt. Stattdessen lobt er den musikalisch und tänzerisch unverkrampften Umgang mit sexuell konnotierter Körperlichkeit als »primär afro-amerikanische Angelegenheit«, die er aus der Geschichte schwarzer Musik deduziert und wiederholt so das rassistische Stereotyp des »tanzfreudigen, sexuell freizügigen Negers«.

Leuchtet soweit ein. Es funktioniert – und hier beginnt nun mein Problem – nur leider auch anders herum. Wenn weiße Mitteleuropäer mit Hang zu Indie-Rockmusik den schwarzen Jugendlichen im Jugendzentrum in Baltimore oder New Jersey erklären, dass die Art und Weise der Repräsentation von Sexualität in Ghettotech oder eben anderen Spielweisen von globaler Bass-Music sexistisch ist, und durch diesen Sprechakt sozusagen die unterentwickelte Kultur gemäß europäischem Akademikerstandart aufgeklärend angesprochen wird, dann hat man zwar den Punkt gegen Sexismus geholt, ist aber gleichzeitig in dieselbe Falle getreten, die im Hinterland-Artikel beschrieben wird. Alles nicht so einfach in der Postmoderne. Was also tun? Denn schließlich will man ja schon gute Musik hören, dabei aber natürlich weder Rassist noch Sexist sein – und auch wieder und wieder die berüchtigte Stelle der Minimalia Moralia zu strapazieren bringt es nicht.
So richtig weiß ich es aber ehrlich gesagt nicht. Mein provisorischer Ansatz wäre vielleicht ein Argument was Zizek in Bezug auf das Rammstein-hören gebracht hat anzuwenden. Umdrehen würde ich das folgendermaßen: Dass hier bei der Schaffung neuer Genres und durch die Einverleibung von Carioca Funk, Kudoro, Tecno Brega und Co. eben auch immer etwas in einen neuen Kontext gesetzt wird. Das heißt wo etwas veränderbar ist – und was demonstriert besser Veränderbarkeit als das enorme Wuchern von Global Bass? – kann es auch zum Besseren verändert werden. Die Künstlichkeit ist doch immer auch eine Chance gegen Essentialisierungen aller Art, seien sie nun rassistischer, sexistischer oder welcher „Natur“ auch immer. Und wenn die Akademiker nicht tanzen wollen, können sie dann eben über die Gemachtheit und den Werkcharakter oder die Frage ob diese Kategorie in dem Falle nützlich ist nachdenken. Wenn ich es noch recht zusammenbringe argumentiert Juliane Rebentisch ähnlich in Bezug auf das theatralische Moment in der Demokratie. Gerade das Unauthentische, Nicht-Echte am Schein ist dasjenige Moment was einen Unterschied von Sache und Repräsentation und damit auch der repräsentierten Sache von sich selbst ermöglicht. Gilt das nicht auch um so mehr bei Popkultur?

Am Ende läuft es wahrscheinlich auf die Frage hinaus, welche Haltung ich zu Musik einnehme. Will ich eine Fiktion haben, mit der ich mich voll und ganz identifiziere? Das könnte dann formal gesehen sowohl die madball-mäßige nuestra familia Welt von der toughen Hardcore-Posse sein, als auch Zeckenrap a la TickTickBoom. Will man Musik als Mittel zum Tanzen, wobei dann, wenn es ein Grenzeneinreißendes Moment gibt, dies im Tanz selbst liegt, nicht aber im Text? Oder gehe ich reflektierend an Musikstücke und betrachte sie als Werke, deren ästhetischen und möglicherweise politischen Gehalt ich kritisch würdige?

Wie gesagt, ich habe hier keine abschließende Antwort und verbleibe einstweilen ratlos aber interessiert. Fragend tanzen wir voran!

Für alle die sich fragen, worüber wir hier überhaupt reden:

Ein Brega Mix von Antonio Antmaper aus Rio, indem andere Global Bass Akteure wie der allgegenwärtige Diplo oder Schlachthofbronx aus München verbraten werden.