Bei aller Kritik Jacques Rancieres an den politischen Theorien Hannah Arendts sind sich beide doch in einem Punkt einig: die politische Philosophie dient vor allem dazu, den Skandal der Politik, d.h. die Unordnung, die durch das demokratische Handeln immer wieder entsteht zu bewältigen. Politische Philosophien entwickeln Ideen von gerechten Ordnungen, um Herrschaft zu legitimieren, die diese Un-Ordnung beendet und wieder in Ordnung bringt. (Siehe Arendts und Rancieres Ablehnung der Bezeichnung politische_r Philosoph_in)Seit Platon wurde eine solche Idee der Ordnung des guten Staates durch die politische Philosophie immer wieder in dem Bild des menschlichen Organismus ausgedrückt. Funktionen des Staates werden beispielsweise mit Prinzipien der Seele und ihren Anteilen gleichgesetzt, um aus der Analogie des menschlichen Körpers eine Ordnung der Teile des Staates abzuleiten. Lassen wir einmal außen vor, dass solche Analogien nur der Herrschaftslegitimierung und -sicherung dienen und nehmen diese Ideologie für ein Gedankengang als gegeben hin – und schlagen dann eine aktuelle Zeitung auf.

In Bezug auf die Veröffentlichungen des Whistleblowers Edward Snowden über die Aktivitäten seiner ehemaligen Arbeitgeber ist dort u.a. zu lesen, dass die rechtsstaatliche Kontrolle der Tätigkeiten des Geheimdienstes NSA durch einen Geheimgerichtshof ausgeübt wird. Dieser soll der NSA sehr weitreichende Kompetenzen eingeräumt haben und seinerseits eine Art Paralellstruktur darstellen, die durchaus mit dem Obersten Gerichtshof der USA vergleichbar sei. Der wichtige Unterschied: von der Existenz dieses Gerichtshofes und der Tätigkeiten, die dieser überwacht wusste die breite Öffentlichkeit bislang so gut wie nichts.
Überträgt man dies wieder auf das Bild des Staates als menschlichen Organismus, so stellt sich die Frage: Was ist die Tätigkeit einer geheimen Instanz, die weitere geheime Tätigkeiten anderer Instanzen in Bewegung setzt und kontrolliert, ohne dass sie dabei der Öffentlichkeit bekannt wäre oder gar von ihr kontrolliert werden könnte anderes als die Aktivierung eines abgetrennten Systems bei einem schwer traumatisierten Patienten? Ebenso wie Traumatisierte bei Aktivierung dieser abgetrennten Systeme nichts davon mitbekommen, dass sie aus dem Bewusstsein wegdissoziieren, kann der sogenannte demokratische Rechtsstaat ohne Öffentlichkeit -im Bild gesprochen ohne Selbstbewusstsein- nicht wirklich sich selbst kontrollieren. Der Patient Rechtsstaat, taumelt unbewusst durch die Welt, die ihm ein #Neuland ist, heimgesucht von den anhaltenden Folgen seines Traumas.

Während der global gesehen immer noch an der Macht befindliche Neoliberalismus nach dem Ende des Blockkonfliktes die Auflösung des kontingenten Bündnisses von Demokratie und Rechtsstaat betreibt (Stichwort: marktkonforme Demokratie) wird langsam aber dennoch grundlegend auch der Gehalt dessen, was unter einem Rechtsstaat zu verstehen ist, verändert.

Was ist nun Pointe des Gedankenexperimentes? Das politische Denken, also das Durchdenken des Politischen und der Politik ist gegenwärtig vor große Herausforderungen gestellt. Die Begriffe von Demokratie und Rechtsstaat erfahren eine dramatische Veränderung. Vor diesem Hintergrund die Frage zu diskutieren, inwiefern Whistleblower wie Snowden puren Geheimnisverrat betrieben oder die Sicherheit aller Bürger_innen gefährdet hätten, geht an der Sache völlig vorbei. Selbst im alten herschaftslegitimierenden Bild des Staates als Organismus zeigt sich vielmehr, dass die Veröffentlichungen der geheimen Tätigkeiten von Instanzen des Staates eher einer psychotherapeutischen Behandlung gleichen, die dem Patienten durch eine Konfrontation mit den Symptomen seiner Störung bewusst macht, dass etwas nicht stimmt, dass etwas nicht mehr in Ordnung ist. Selbst wer für- und nicht gegen den Staat denken will, muss sich bei einem Blick in die Zeitung sorgen machen.