In diesem Sinne wäre es einer Tradition der kritischen Theorie angemessen, die rassistisch unterfütterten Ressentiments gegen den Islam und das orientalische »Andere« nicht einfach zu bedienen, sondern stattdessen zu fragen, was der religiöse und ethnizistische Irrsinn der Gegenwart mit den globalen ökonomischen Verhältnissen zu tun haben könnte. Das wäre sicherlich auch politisch hilfreich, denn der militante Islamismus besetzt (genauso wie die ethnizistische Rechte) heute jene Felder, die die Linke weitgehend aufgeben hat: die Position einer radikalen Alternative, des Widerstands gegen eine totale Inwertsetzung. […] Wir leben in einer durchgeknallten Welt. Aber dieses Durchgeknalltsein kommt weder von außen noch aus der Vergangenheit – es kommt von innen und ist mit der »westlichen Zivilisation« nicht minder eng verschränkt, als es vor 70 Jahren Aufklärung und Faschismus waren. Ein kritischer Marxismus und ein Feminismus, der patriarchale Beziehungen nicht in erster Linie beim »orientalischen Anderen« erkennt, sind unerlässlich, um in dieser Lage wieder ein paar vernünftige Standpunkte entwickeln zu können.


Raul Zelik in ND