Drüben bei Kombinat-Fortschritt gibt es eine Reportage mit Bildern von der seit über 6 Tagen anhaltenden Besetzung der Brinkstraße 16-17 in Greifswald. In Zeiten in denen seit Jahrzehnten neue Hausbesetzungen innerhalb der ersten 24 Stunden geräumt werden, ist dies ein sehr bemerkenswerter Umstand. Die Besetzung in der Brinkstraße hat aber auch nichts mit den Bildern von militantem Straßenkampf, wie er in den frühen 1980er Jahren in Westdeutschland und in Ostdeutschland in den frühen 1990ern praktiziert wurde (-unter etwas anderen Umständen übrigens auch in Greifswald, wo Nazis selber besetzten und linke und alternative besetzte Häusern mit Steinen und Molotov-Cocktails angriffen), zu tun. Wenn man die aktuelle Besetzung mit etwas vergleichen will, scheint es in Deutschland im Moment nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten zu geben.

In internationaler Perspektive sieht dies schon anders aus.

Hier bietet sich möglicherweise als noch sehr frisches Beispiel die Südlondoner Gruppe FocusE15 an. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von wohnungslosen, alleinerziehenden Müttern, welche sich gegen die Verdrängung aus ihren Stadtteil Newham zur Wehr setzten. Im Zuge von Olympia 20012 sind in der näheren Umgebung der neu gebauten Sportanlagen massenhaft Sozialwohnungen entmietet worden. Ohnehin leidet ganz London unter einer Wohnraumkrise, weil die Stadt, nicht nur als Finanzplatz eines der weltweiten Zentren des Kapitalismus darstellt, sondern auch ein Austragungsort von extremer Immobilien- und Stadtentwicklungsspekulation ist, welche sogar die gehobene Mittelklasse in Bedrängnis bringt.

Die FocusE15 Gruppe hat darauf reagiert, in dem sie, nachdem alle anderen Versuche Unterstützung zu erfahren und/oder sich bei der Politik Gehör zu verschaffen, gescheitert waren, zu den Mitteln des zivilen Ungehorsams und der direkten Aktion griffen. Die Gruppe verschaffte sich Zugang zu einem leerstehenden Sozialbau, den Carpenter Houses und zog dort demonstrativ ein und hielt eine Dauerprotestkundgebung vor dem Haus ab. Die zeitlich begrenzte Besetzung, welche kürzlich beendet wurde, verschaffte der Gruppe eine mediale Aufmerksamkeit weit über London hinaus. Die Politik stand blamiert da, am Ende entschuldigte sich der lokale Bürgermeister, ein Mitglied der Labour Partei (!) öffentlich im Guardian für sein Verhalten gegenüber der Gruppe. Die FocusE15 Mums sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie die richtige Mischung von angewendeten Methoden des Protestes unter bestimmten Umständen für extrem ressourcenschwache Akteure einen maximalen politischen Output erbringen können.

Und in dieser Hinsicht liegt möglicherweise die Parallele zu der Besetzung in Greifswald. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik in den 1980ern und im wiedervereinigten Deutschland der 1990er sind lange vorbei. Besetzungen, die sich an Vorbildern aus diesen Zeiten orientieren, dürften es heute sehr schwer haben. Die Art und Weise des Zusammenspiels zweier Gruppen in Greifswald gleicht demgegenüber eher der geänderten Strategie der britischen Hausbesetzer_innen nach der Gesetzesverschärfung in der Section 144 des „Sentencing and Punishment of Offenders Act“ von 2012, welche das Besetzen von Wohnraum unter Strafe stellte. Dies führte zu der strategischen Umorientierung, dass Neubesetzungen in der Folge meist gleich als Community Center für die Öffentlichkeit konzipiert werden.

Ob solche Überlegungen für die Brinke-WG in Greifswald eine Rolle gespielt haben oder nicht, sei dahin gestellt. Mit ihrer Selbstvorstellung in einem Artikel bei Squatnet haben sie sich allerdings in einen internationalen Dialog begeben und – das ist der Punkt, der hier herausgehoben werden soll – es gibt einige andere Gruppen, insbesondere im UK, die etwas ähnliches machen wie die Brinke-WG in Greifswald. Und das Wissen und Bewusstsein, nicht allein auf der Welt zu sein, hat noch keinem politischen Aktivismus geschadet.