Schöne Fassade August Bebel Straße

Quelle: http://lapampa.blogsport.de/2011/01/03/how-you-like-me-now/

Meine liebsten Graffiti in Rostock, sind gesprühte Schriftzüge, die vermutlich von den allermeisten Menschen nicht einmal als solche mitgezählt werden. Und hier zeigt sich schon das Problem: Nach über 30 Jahren hat diese kulturelle Praxis in der „Aufteilung des Sinnlichen“ (Rancière) einen zwar ambivalenten, aber doch einen zugeteilten Ort in dem Sinne dass zwischen akzeptabler Kunst und Sachbeschädigung unterschieden wird. Die von mir geschätzten Schriftzüge der Sorte „Schöne Fassade“ greifen diese Einverleibung von Graffiti kritisch auf. Dies geschieht allerdings nicht im Sinne plakativer Parolen a la „streetart is not a crime“; sondern in einer radikalen Anti -Ästhetik die sich der Kunsthandwerklichkeit und der Idee von Meisterschaft radikal entzieht und vor allem den illegal(isiert)en Aspekt des Sprühens im öffentlichen Raum ins Zentrum stellt. Die „Schöne Fassade“ und ähnliche Sprühereien richten den Blick darauf, dass es der nicht einzuverleibende Rest, der Aspekt der Sachbeschädigung ist, der die Kunstform Grafitti am Leben erhält. – Das debke ich mir zumindest wenn ich durch Rostock laufe und auf eine neue sogenannte Schmiererei stoße und laut lachen muss.

Stoiber Hauptbahnhof München Stampfmüller Straße

Quelle: http://teleprisma.tumblr.com/post/70595904467/wenn-sie-am-haupfbahnhof-munchen-photo

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift sub\urban gibt es einen Artikel, der sich auch mit Grafitti beschäftigt und der hiermit zur Lektüre empfohlen werden soll:

Graffiti erfahren als populäre Kultur im wissenschaftlichen Diskurs derzeit eine verstärkte Aufmerksamkeit. Man versucht, ihre Rolle in der Stadt zu erschließen, sie zu analysieren, ihren politischen oder künstlerischen Gehalt zu verstehien, sie zu vermarkten oder Vorstellungen zu entwickeln, wie sie reguliert werden können (vgl. Derwanz 2013, Kramer 2010, Austin 2001, Abaza 2012, Valverde 2006). Eigentlich müsste dieses ausgeprägte Interesse verwundern. Folgt man dem bis heute in Diskussionen einflussreich­en Auf­satz Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen von Jean Baudrillard (1978), dann sind Graffiti gerade in ihrer inhaltlichen Bedeutungslosigkeit und fehlenden Tiefe subversiv. Sie operieren demnach nicht innerhalb von bestehenden Zeichensystemen der Stadt, sondern (zer-/ver-)stören diese in Form eines Anti-Diskurses, der sich jeder Interpretation widersetzt. Während die kapitalistische Stadt über Codes und Symboliken von Eigentum, Macht und Sozialstatus und somit auch entlang von Illegalität und deren Kontrolle organisiert wird, entziehen sich Graffiti diesen Verortungen durch den Verzicht auf tiefer liegende Bedeutungen und politische Äußerungen. Sie erscheinen als eine oberflächliche Form der Eigendarstellung, die einer Vereinnahmung durch Nicht-Szene-Akteur_innen entgeht. Graffiti repräsentieren sich demnach als Anti-Werbung, Anti-Eigentum, Anti-Kunst und Anti-Politik. Dennoch lässt sich die These formulieren, dass wir es gegen­wärtig mit einer „Diskursivierung” (Foucault 1983: 31) der Graffiti zu tun haben. Gesellschaftliche Funktionssysteme wie Wissenschaft, Medien oder Kunst suchen aktuell allerdings häufig nach der Bedeutung hinter den Werken, während ihnen die Künstler_innen durch die drohende Kriminalisierung meist nur eingeschränkt zugänglich sind. Diese Zugänge weisen Graffiti einen gesellschaftlichen Ort zu, indem sie sie in die zeichenförmige Organisation und Teilung von Stadt einfügen(vgl. Baudrillard 1978, Austin 2001).

Eine umfassende Materialsammlung zum Thema Schmieren findet sich auch beim Twitter-Account @ktv_rostock