Archive for the ‘Theorie’ Category

Daniel Loick: Wir Flüchtlinge

Dienstag, Oktober 6th, 2015

Staaten werden fortan nie wieder die Masse der Geflüchteten absorbieren können. Sie werden daher versuchen, so seine düstere Diagnose, dieser Herausforderung Herr zu werden, indem sie Geflüchtete räumlich konzentrieren und so das Unlokalisierbare der Migration zu lokalisieren versuchen. Dies gelingt durch die Einrichtung verräumlichter Ausnahmezustände, das heißt Lagern: Orten, in denen nacktes Leben produziert wird, das dem Recht nur noch passiv unterliegt, ohne es selbst je aktiv in Anspruch nehmen zu können.

aus : Eutopiamagazine

Das Phantasma durchqueren

Donnerstag, Juli 9th, 2015

Dieses Oszillieren zwischen Juwel und Scheiße ist nicht das zwischen der idealisierten ätherischen Phantasie und der rauen Wirklichkeit, sondern ein Oszillieren, bei dem beide Extreme phantasmatisch sind; d.h., der phantasmatische Raum ist eben jener Raum des unmittelbaren Übergangs vom einen Extrem zum anderen.

Slavoj Žižek: Was können wir wirklich von Tibet lernen?; in: Die gnadenlose Liebe, S.111.

Lesen lernen, zu lesen als wenn unser Leben davon abhängt #11

Sonntag, Mai 3rd, 2015

Tage an denen große Protestveranstaltungen anstehen, sind über die Dauer der Zeit in der Wahrnehmung oft geprägt von einer Mischung aus Hektik und Aufregung aber auch von Langeweile und Abwarten – oft ist es dabei eine angespanntes Warten, in dem sich beide Zustände vermengen. Dabei gerät an solchen Tagen oft eine Dimension aus dem Blick, die allerdings für Gelingen oder Scheitern der eigenen Ziele immens wichtig sein kann: die Beschaffenheit des Raumes. Selbst in Phasen des angespannten Wartens, etwa beim Sitzen in einer Blockade, liegt die Aufmerksamkeit oft vor allem auf den menschlichen Interaktionen. Aber von der Beschaffenheit des eher als Territorium verstandenen Containerraumes – von dem Inhalt und dessen Anordnungen – kann viel für die Möglichkeiten abhängen, ob in ihm durch das politische Handeln ein anderer, ein politischer bzw. politisierter Sozialraum wird, in dem das solidarische Handeln der Versammelten eine Handlungsmacht gegenüber den politischen Gegner_innen und der bewaffneten Polizei hervorbringt. Die Dimension des Raumes ist im Bewusstsein der Handelnden oftmals auf den einer Kulisse beschränkt. Dabei wirkt die Beschaffenheit des Raumes (- der Inhalt und seine Anordnung in einem Containerraum -) auch mehr oder weniger unbewusst darauf wie bedrohlich oder friedlich eine Situation erscheint.

Zum 1. Mai in Neubrandenburg gibt es bereits eine Reihe von Bilderstrecken. Sie zeigen vor allem die Handlungen von Menschen. Im Sinne einer Sensibilisierung für den Raum oder möglicherweise sogar einer kleinen Psychogeographie des 1. Mai werden in diesem Beitrag abseitige Bilder des Tages gezeigt, welche in den kurzen Momenten zwischen Phasen erhöhter Intensität aufgenommen wurden. Es sind kleine Augenblicke, die ein Stück weit aus der sozialen Zeit des Protestgeschehens herauszufallen scheinen. Solche Augenblicke können aber eine Reihe Fragen aufwerfen: Wo bin ich hier? Was mache ich hier eigentlich gerade? Was bedeutet das alles? (mehr …)

Lesen lernen, zu lesen als wenn unser Leben davon abhängt #10

Montag, April 13th, 2015

Im Übrigen ist die Ausbildung eines Marxisten niemals abgeschlossen. Meiner Erfahrung nach ergänzen sich Lektüre und Erfahrung, Erfahrung und Lektüre: Mal berichtigen, mal bestätigen sie sich gegenseitig. In anderen Fällen scheint mir der Wert des Lesens gerade darin zu liegen, dass Texte, insbesondere historische und theoretische, Aspekte der Welt erfassen können, die nur den Denken zugänglich sind.

Benjamin Kunkel, Utopie oder Untergang – Ein Wegweiser für die gegenwärtige Krise

Slavoj Žižek on Ferguson and violence

Mittwoch, März 11th, 2015

In such a situation, when police are no longer perceived as the agent of law, of the legal order, but as just another violent social agent, protests against the predominant social order also tend to take a different turn: that of exploding “abstract negativity” – in short, raw, aimless violence. When, in his “Group Psychology”, Freud described the “negativity” of untying social ties (Thanatos as opposed to Eros, the force of the social link), he all too easily dismissed the manifestations of this untying as the fanaticism of the “spontaneous” crowd (as opposed to artificial crowds: the Church and the Army). Against Freud, we should retain the ambiguity of this movement of untying: it is a zero level that opens up the space for political intervention. In other words, this untying is the pre-political condition of politics, and, with regard to it, every political intervention proper already goes “one step too far”, committing itself to a new project (or Master-Signifier).

Autonomy & Self-Organization in the Revolutions of Everyday Life

Samstag, Januar 31st, 2015

Imagination is not ahistorical, derived from nothing, but an ongoing relationship and material capacity constituted by social interactions between bodies. While liberatory impulses might point to a utopian (no)where that is separate from the present, it is necessary to point from somewhere, from a particular situated imagining. The task is to explore the construction of imaginal machines, comprising the socially and historically embedded manifestations of the radical imagination. Imagination as a composite of our capacities to affect and be affected by the world, to develop movements toward new forms of autonomous sociality and collective self-determination.

Stevphen Shukaitis- Imaginal Machines: Autonomy & Self-Organization in the Revolutions
of Everyday Life

Kritische Theorie gegen die kompetent-verrohte Idiotie effizienzorientierter Rationalität.

Sonntag, September 14th, 2014

In diesem Sinne wäre es einer Tradition der kritischen Theorie angemessen, die rassistisch unterfütterten Ressentiments gegen den Islam und das orientalische »Andere« nicht einfach zu bedienen, sondern stattdessen zu fragen, was der religiöse und ethnizistische Irrsinn der Gegenwart mit den globalen ökonomischen Verhältnissen zu tun haben könnte. Das wäre sicherlich auch politisch hilfreich, denn der militante Islamismus besetzt (genauso wie die ethnizistische Rechte) heute jene Felder, die die Linke weitgehend aufgeben hat: die Position einer radikalen Alternative, des Widerstands gegen eine totale Inwertsetzung. […] Wir leben in einer durchgeknallten Welt. Aber dieses Durchgeknalltsein kommt weder von außen noch aus der Vergangenheit – es kommt von innen und ist mit der »westlichen Zivilisation« nicht minder eng verschränkt, als es vor 70 Jahren Aufklärung und Faschismus waren. Ein kritischer Marxismus und ein Feminismus, der patriarchale Beziehungen nicht in erster Linie beim »orientalischen Anderen« erkennt, sind unerlässlich, um in dieser Lage wieder ein paar vernünftige Standpunkte entwickeln zu können.


Raul Zelik in ND

Post-Politik? Nein, danke!

Dienstag, August 26th, 2014

Jodi Dean hat im Jahre 2011 einen Text verfasst, in dem sie eine Kritik der Theoretiker*innen der radikalen Demokratie und deren These von einer Ära der Post-Politik vornimmt. Das Fazit des Textes ist ungewöhnlich aber im wahrsten Sinne des Wortes bedenkenswert.

… Links und Rechts teilen die gleiche Rhetorik der Demokratie, eine Rhetorik, die Ethik und Wirtschaft, Diskussion und Konkurrenz zusammenführt, sodass alles eine Version des anderen wird. Ein Angriffskrieg wird im Namen der »Verbreitung der Demokratie« geführt, während zur gleichen Zeit KritikerInnen dieses Kriegs dieselben Begriffe benutzen, um ihrer Opposition Ausdruck zu verleihen und diese zu imaginieren. Die moderne Linke findet sich also in einer Position des echten Sieges – des Sieges in der Niederlage.

Die enorme, vielleicht unmögliche Aufgabe besteht, so Dean mit Verweis auf Žižek, darin, nicht nur die alten (emanzipatorischen, etc.) Träume zu verwirklichen; sondern vielmehr die Art des Träumens neu zu erfinden.


DIY Conference: Mark Fisher: Capitalism, Is There No Alternative?

Montag, August 25th, 2014

What happens in Ferguson does not stay in Ferguson

Montag, August 25th, 2014

Kommt es mir nur so vor oder erlebt Walter Benjamins „Kritik der Gewalt“ in letzter Zeit einen großen Aufschwung?

What happens in Ferguson does not stay in Ferguson

For African Americans, the state of emergency has long been a permanent one. Now, under neoliberalism, it is fast becoming generalized across the globe.

Last week, the Governor of Missouri declared a state of emergency and deployed the National Guard to the St Louis suburb of Ferguson to quell a fortnight of civil unrest following the police murder of the unarmed black teenager Michael Brown. It was the first time since the Los Angeles riots of 1992, after the severe police beating of another black man, Rodney King, and the Battle of Seattle during the WTO trade negotiations seven years later, that the army had been called in to restore public order within US borders. […]

Raul Zelik: „Wie revolutionär ist die Revolution? Zu Walter Benjamins ‚Kritik der Gewalt'“

Montag, Juli 7th, 2014

Da das unvermeidliche Thema Staat und Gewalt leider nich unaktueller wird, hier also aus wieder mal aktuellem Anlass ein sehr guter Text von Raul Zelik zu Walter Benjamins Essay „Kritik der Gewalt“:

Benjamins Essay führt also zu der bis heute ungeklärten Frage nach dem konstituierenden Prozess: Wie entsteht unter herrschenden Bedingungen eine alternative, radikal demokratische Macht, die uns den Sprung aus dem Kontinuum der Herrschaftsgeschichte ermöglicht?

Driften im Nordosten von Rostock

Sonntag, Mai 25th, 2014

nordost10

Der Passagier der Nicht-Orte findet seine Identität nur an der Grenzkontrolle, der Zahlstelle oder der Kasse des Supermarkts. Als Wartender gehorcht er denselben Codes wie die anderen, nimmt dieselben Botschaften auf, reagiert auf dieselben Aufforderungen. Der Raum des Nicht-Ortes schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit. – Marc Augé: Nicht-Orte

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Silvia Federici presents „Caliban and the Witch“

Freitag, Mai 23rd, 2014

Wikipedia fasst zusammen:

Federicis bekanntestes Buch Caliban und die Hexe: Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (erschienen 2004) behandelt die Enteignung und Ausbeutung weiblicher und kolonialisierter Körper im Lauf der Geschichte. Federicis Begriff von Reproduktionsarbeit umfasst nicht nur die klassische Hausarbeit, sondern auch landwirtschaftliche Subsistenzwirtschaft, Gesundheitsversorgung, Erziehung, aber auch Sexarbeit und andere Formen bezahlter Reproduktionsarbeit.

Sie argumentiert gegen Marx`These von der ursprünglichen Akkumulation als „natürliche“ Vorbedingung für die Entwicklung des Kapitalismus und stellt dem entgegen, die Aufteilung zwischen der Warenproduktion und der Arbeitskraft sei essenziell gewesen: „Nur die Produktion von Waren war als Arbeit anerkannt, während die Produktion von Arbeitskraft, insbesondere der Teil, der zu Hause stattfindet und normalerweise Hausarbeit genannt wird, als persönlicher Service definiert wurde, der keiner Bezahlung wert war. Diese Dichotomie ist eine immense Quelle für ökonomische Akkumulation. Sie hat die schweren Schultern der Arbeiterklasse erleichtert, zumeist auf Kosten der Frauen, die die Arbeitskraft reproduzierten.“

Federici bezieht sich auf Theorien des italienischen Operaismus der sechziger Jahre, antikoloniale Kämpfe und die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Sie sympathisiert mit der Occupy-Bewegung in den USA und tritt für Commons ein, also für kollektives Eigentum, das von einer Gemeinschaft organisiert wird, die gleichberechtigt entscheidet und profitiert. Für Federici wird beispielsweise mit Community-Gärten oder Gemeinschaftsküchen an die mittelalterliche Allmende-Tradition angeknüpft. Sie sieht in der in Commons geleisteten Reproduktionsarbeit eine Alternative zur Reproduktionsarbeit im Kapitalismus.

Lesen lernen, zu lesen als wenn unser Leben davon abhängt #8 – Unsystematisches Bibliographieren

Mittwoch, Mai 7th, 2014

Unsystematisches Bibliographieren oder auch „rückwärts“ Bibliographieren ist ein Verfahren zur Recherche, welches wie in einem „Schneeballsystem“ Ergebnisse produziert. Der Ausgangspunkt für das unsystematische Bibliographieren ist eine möglichst neue Abhandlung oder einen neuer Aufsatz zum Thema. Die Literaturangaben dieses Ausgangstextes (meist als Bibliographie im Anhang, bei Aufsätzen auch in den Fussnoten) werden dann systematisch auf Literatur durchsucht, die für die eigene Fragestellung relevant scheint. Auf die so gefundenen Texte wird dann das gleiche System erneut angewendet. Auf diese Weise kann man sich allerdings eben unsystematisch einen Bestand an Forschungsliteratur erschließen.
Das ganze funktioniert aber so ähnlich auch mit DJ-Mixen. Hier geht es dann nicht um einen Text im Sinne eines Aufsatzes. Gestern habe ich auch Twitter einen ReTweet des Budapester/Bristoler Künstlers DJ Madd in der Timeline gefunden.

Der von mir verfolgte und geschätzte bei Deep-Medi Musik veröffentlichende Compa hatte einen Tweet retweeted, weil er in dem Mix von DJ Madd mit einem Track vorkommt. Bei diesem Track, Murda Dub handelt es sich um eine neue Bearbeitung des Ini Kamozes‘ Klassikers.

Der Podcast in dem die Compa-Bearbeitung vorkommt heißt Roots and Future. Der Murda Dub passt perfekt in das Konzept dieses Podcasts, welches Roots Reggae mit Dub und Dubstep mixt und somit eine Kommunikation zwischen Vergangenheit und Zukunft herstellt. Es steckt allerdings nicht nur diese zeitliche Komponente in dem Podcast. Gerade Roots Reggae ist ja hinsichtlich der besungenen Motive stark auf Afrika, die Geschichte der Sklaverei und die Diaspora Erfahrung ausgerichtet. Diese Motive werden in der Spielform des Dubstep von DJ Madd aufgenommen, die auch Compas Werk prägen. Ein anderer Künstler aus Bristol – einer Stadt mit eigener Bass-Music Geschichte – der ebenfalls auf den Podcasts vertreten ist und unbedingt in diesen Zusammenhang gezählt werden sollte ist Kahn. Um über diesen Mix zu reflektieren, macht es Sinne über die Hardcore-Kontinuum Theorie hinaus zu gehen und eher den Begriff des Black Atlantic in das Zentrum der Überlegungen zu stellen.

„In short, the virologies of the Black Atlantic, from the riddim method method of Jamaican pop, to the sampladelia of U.S. Hip-hop, the remixology of disco, house and techno, and the hyperdub methodologies of the hard-core continuum, constitute a wealt of techniques for affective mobilization in dance.“ (Goodman (2010): 162 )

Nun noch eine kleine praktische Veranschaulichung, warum die Podcastserie ausgecheckt werden sollte: Auf den kleinen Geräte-Lautsprechern des Laptops klingt der Mix beim ersten Anklicken auf Soundcloud nur nach Roots Reaggae. Doch Johnny Osborns „Mr Marshall“ zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, weil Major Lazers „Jah No Partial“ wesentlich auf einem Sample von Osborn basiert und hier das Original zu hören ist. Ich lade runter.

Auf dem MP3 Player mit besseren Lautsprechern wird die ganze Angelegenheit aber schon deutlich interessanter. Vollends entwickelt der Mix seine Wirkung als ich ihn im Auto höre und merke wie der Rückspiegel unter den warmen Bässen zu vibrieren beginnt. Hier ist nicht nur zu hören, sondern auch zu fühlen was Steve Goodman in Sonic Warfare zum u.a. Gegenstand seiner Untersuchung macht: affektive Mobilisierung durch Sound, der teilweise für das menschliche Ohr gar nicht hörbar durch die Vibration des ganzen Körpers gefühlt wird und so wirkt.

Bass figures as exemplary because of all frequency bands within a sonic encounter, it most explicitly exceeds mere audition and activates the sonic conjunction with amodal perception: bass is not just heard but is felt. Often sub-bass cannot be heard or physically felt at all, but still transforms the ambience of a space, modulating it’s affective tonality, tapping into the resonant frequency of objects, rendering virtual vbrations of matter vaguely sensible. Bass demands more theoretical attention, as ist is too often equated with buzzing confusion of sensation and therefore the enemy of clear auditory perception and, by implication, clear thought. But for many artists, musicians, dancers, and listeners, vibratory immersion provides the most conducive environment for movements of the body and movements of thought. (Goodman (2010) 79)

Plan C: Six Theses on Anxiety and Why It is Effectively Preventing Militancy, and One Possible Strategy for Overcoming It

Sonntag, April 20th, 2014

If each stage of the dominant system has a dominant affect, then each stage of resistance needs strategies to defeat or dissolve this affect. If the first wave of social movements were a machine for fighting misery, the second wave (of the 1960s-70s, or more broadly (and thinly) 1960s-90s) were a machine for fighting boredom. This is the wave of which our own movements were born, which continues to inflect most of our theories and practices.
[…]
The mid-century reorientation from misery to boredom was crucial to the emergence of a new wave of revolt. We are the tail end of this wave. Just as the tactics of the first wave still work when fighting misery, so the tactics of the second wave still work when fighting boredom. The difficulty is that we are less often facing boredom as the main enemy. This is why militant resistance is caught in its current impasse.


Den ganzen Text gibt es hier zu lesen
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