Archive for the ‘Theorie’ Category

Ernesto Laclau ist tot

Dienstag, April 15th, 2014

Mit 78 Jahren starb der politische Theoretiker Ernesto Laclau kürzlich in Sevilla. Laclau hat mit Chantal Mouffe in den 1980er Jahren mit „Hegemony and Socialist Strategy“ eine Dekonstruktion des Marxismus vorgenommen und eine Re-Lektüre von Antonio Gramscis Hegemonietheorie vorgeschlagen. Verso-Books hat einen Nachruf auf Laclau veröffentlicht. Link.

In der taz hat Cord Riechelmann einen Nachruf auf deutsch geschrieben.

Care Debatte in der Jungle World

Dienstag, März 25th, 2014

Gefällt mir ganz gut, der Beitrag von um’s Ganze in der aktuellen Jungle World zur Care Debatte:

Das von Judith Butler angestoßene »Queer-Theorem« hat – zumindest in Deutschland – fast alle bisherigen Debatten auf den Müllhaufen der Geschichte verfrachtet. Zwar ist der dekonstruktivistischen Intervention von Butler und anderen Theoretiker_innen in die Frauen- und Geschlechterforschung die radikale Kritik an Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität und dem Objektivitätsanspruch der (Natur-)Wissenschaft, vor allem in Gestalt von Biologie und Medizin, zu verdanken. Es war wohl eine der wichtigsten Einsichten der Gender Studies, dass Frau­enbewegung und Geschlechterforschung durch ihren Fokus auf Geschlecht diese Kategorie selbst hervorhoben, anstatt auf dessen Überwindung hinzuarbeiten. Allerdings hat die Konzentration der Gender Studies auf die Diskursivität und Performanz von Geschlechtlichkeit umgekehrt oft konkrete Analysen der materiellen Bedingungen von Normen und Ungleichheiten übersprungen. Die Frage, wie Geschlechtlichkeit als soziales Verhältnis entsteht und warum es beständig (wieder-)hergestellt wird, wurde aus dem Blick verloren – und so ihre Strukturierung in und durch kapitalistische Verhältnisse und nationale Interessen ignoriert.

In der ak gab es dazu allerdings schon mehr zu lesen.

Giorgio Agamben – For a theory of destituent power

Mittwoch, Februar 5th, 2014

Giorgio Agamben hat im November letzten Jahres eine sehr spannende Vorlesung über den Sicherheitsstaat und die Zukunft der Demokratie in Athen gehalten:

The hypothesis I would like to suggest here is that, placing itself under the sign of security, modern State has left the domain of politics to enter a no man’s land, whose geography and whose borders are still unknown. The Security State, whose name seems to refer to an absence of cares (securus from sine cura) should, on the contrary, make us worry about the dangers it involves for democracy, because in it political life has become impossible, while democracy means precisely the possibility of a political life.

Hier gibt es alles.

Now officially bullshit.. again: Die Extremismusideologie

Freitag, Januar 31st, 2014

Ein Zwischenbericht des Deutschen Jugendinstituts evaluiert die Präventionsprogramme der Kalten Kriegerin Kristina Schröder (CDU). Im Zwischenbericht heißt es u.a.:

Im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Problemfeldern lässt sich das kulturelle Milieu der Problematisierung von „Linksextremismus“ relativ gut
abgrenzen: Es sind zumeist Wissenschaftler/innen aus dem Umfeld der Extremismus- und Totalitarismustheorie, Vertreter/innen von Sicherheitsbehörden und der konservativen Parteien.
Die Sicht der genannten Akteure auf das Problem ist jeweils geprägt vom Standort und der Funktion, von dem/der aus sie agieren, und entsprechend stark schreiben sich die jeweiligen Thematisierungslogiken in die Problemsicht ein. Gerade das Beispiel von Sicherheitsbehörden oder ideengeschichtliche Theorierezeption macht deutlich, dass es sich hier um Thematisierungslogiken handelt, die zunächst wenig mit stärker pädagogischen Problemsichten zu tun haben.

Den ganzen Bericht gibt es hier, um sog. Linksextremismus geht es ab Seite 105.

tl;dr

Bullen aus der Schule, damit die Schule lehrt.

Ruhig Brauner! Den Ausnahmezustand des #Gefahrengebietes verstehen

Mittwoch, Januar 15th, 2014

Wenn Polizei und Militärs anfangen philosophisch zu werden, wird mir immer Angst und Bange. Einschlägige Beispiele stellen ja Donald Rumsfelds Unbekanntes Unwissen oder die Deleuze-Rezeption der israelischen Armee im Häuserkampf in Gaza dar.

Der Stein und das Nichts

Beim Debattenmagazin The European wird ein aktueller Fall, nämlich das Hamburger #Gefahrengebiet und die dortigen „Angriffe aus dem Nichts“ behandelt:

Gegen „Angriffe aus dem Nichts“ sollen verschiedene Vollstreckungsbeamte künftig geschützt werden. Vermutlich ist das nur eine unbedachte Formulierung, denn zum einen hat bisher noch kein einziger Straftatbestand irgendjemanden vor einer Tat geschützt, zum anderen sind Angriffe aus dem „Nichts“ sicherlich nicht wörtlich zu verstehen. Kein Angreifer kann sich im Nichts befinden. Das Strafgesetzbuch ist ja kein existenzialistisches Philosophiebuch, das sich mit dem Nichts auseinandersetzt.

A propos Philosophie, zu einer Demonstration am Samstag in Hamburg ruft übrigens das nach Henri Lefèbvres Konzept benannte Netzwerk „Recht auf Stadt“ gegen die Carl Schmitt-Fans im SPD-geführten Hamburger Senat auf. Den Aufruftext gibt es hier. Gegen die Enteignung der Philosophie durch die Herrschaft lässt sich allein andenken, eine andere Form des Wissens kann aber auch in der kollektiven Praxis erfahren werden.In diesem Sinne!

Politsches Handeln und Wissenschaftliches Wissen

Samstag, Dezember 28th, 2013

[I]ch [messe] der Praxis einen eigenen epistemologischen Wert bei[…], der auf die Theorie rückwirkt. Manche Dinge können erst in der Praxis denkbar gemacht werden. Emanzipatorische Wissensproduktion ist vor allem ein kollektiver Prozess, der aus der Verbindung von Aktivismus und Wissenschaft entspringt.

Angela Davis – »Emanzipation wird erst in der Praxis denkbar« in Jungle World #51 2013

Lernen, lernen, nochmals lernen #5

Montag, Dezember 2nd, 2013

Ich bin gerade wieder einmal erstaunt wie ernsthaft und respektvoll selbst im Dissens mal im deutschen Fernsehen diskutiert wurde… in den 1960er Jahren bei Günter Gaus. Aber nicht nur aus solchen nostalgischen Gründen lohnt es sich immer mal wieder eine alte Sendung anzuschauen – wenn man heute zum Beispiel noch einmal das Interview mit Rudi Dutschke anschaut und darüber nachdenkt, was Dutschke mit seinen Analysen über die Möglichkeiten innerhalb der parlamentarischen Demokratie und dies dann auf aktuellere Diskussionen wie die um die Postdemokratie bezieht.

Frieder Otto Wolf (2013): Die neue Marx-Aneignung in Frankreich: Althussers strukturale Marx-Lektüre

Mittwoch, November 20th, 2013

Endstation, an der alle Wege enden und aus der jedenfalls keiner mehr hinausführt

Dienstag, November 12th, 2013

Die Bezeichnung ‚Durchgangslager‘ ist, so gerne die Mächtigen sie jenen Orten geben, an denen sich aufzuhalten sie die Flüchtlinge zwingen, ein Oxymoron: Der ‚Durchgang‘ ist ja genau das, was den Flüchtlingen vorenthalten wird, und genau das kennzeichnet ihre Situation. In ein ‚Flüchtlingslager‘ verwiesen zu werden bedeutet mit Sicherheit nur eines: daß von dort aus alle anderen denkbaren Orte unerreichbar sind. ‚Insasse‘ eines Flüchtlingslagers zu sein bedeutet mit Sicherheit nur, daß man aus der übrigen Welt ausgeschlossen ist und überall als Fremder, Fremdkörper und Eindringling gilt – weshalb diese übrige Welt ‚gezwungen ist‘, sich mit bannoptischen Vorrichtungen zu umhegen. Kurz: In ein Flüchtlingslager eingewiesen zu werden heißt, aus der Welt und der Menschen ausgewiesen zu werden.

Zygmunt Bauman: Daten, Drohnen, Disziplin

Vice bei Zizek

Montag, Oktober 28th, 2013

Vice hat anlässlich von Zizeks neuem Film The Perverts Guide to Ideology einen kurzen Interviewfilm gemacht. Uuuund, jetzt kommts! Der gefährlichste Denke des Jahrhunderts trägt Sandalen und hat Socken darunter an!

Faszinierend!

Samstag, Oktober 26th, 2013

Geschichte wiederholt sich nicht, aber… Anklam, Marzahn-Hellersdorf, Greiz

Sonntag, Oktober 6th, 2013

Anklam, Hellersdorf, Greiz – kommt der alte Rassismus vom Anfang der 1990er Jahre wieder? War er je weg? Und woher kam der vermeintlich alte Rassismus der 1990er Jahre überhaupt? Die aktuellen Meldungen über rassistische Bürgerproteste gegen Flüchtlingsunterbringungen werfen Fragen auf. Aus linker Perspektive ist dabei jedoch ein Fallstrick dringend zu vermeiden: das aufkommende Strafbedürfnis gegenüber dem dummen und verstockten Pöbel. Es ist absolut menschlich, dass die rassistischen Äußerungen von Bürgerinnen und Bürgern wütend machen – egal ob in Anklam, Hellersdorf oder Greiz. Den Pöbel bestrafen zu wollen, setzt voraus, dazu auch in der Lage zu sein – und das ist eine Herrschaftsperspektive. „Also mit Pumpgun durch Anklam, ganz entspannt im zweiten Gang anfahren“ (Waving The Guns) – ist Ausdruck einer Wut, aber keine verallgemeinerbare politische Strategie.* Wie aber umgehen mit dem aggressiven Abwerten, Bedrohen und Hetzen?

Die französischen linksheideggerianischen** Theorien der radikalen Demokratie haben sich bereits in den 1990er Jahren mit dem Aufkommen des aggressiven Rassismus seit den 1980er Jahren und dem Rechtspopulismus in den 1990er Jahren beschäftigt. Die vorgeschlagenen Antworten fallen mehr oder weniger ähnlich aus. Mit dem Zusammenbruch des Blockkonfliktes und der daraus folgenden Krise einer linken Utopie, tritt die liberale Demokratie ihren Siegeszug an und erklärt triumphierend das Ende der Geschichte. Mit diesem Eintritt in das post-demokratische Zeitalter geht eine Tendenz des Verschwindens ideologischer Alternativen einher. Konservative und sozialdemokratische Positionen werden in großen Koalitionen ununterscheidbar und der Unterschied von rechts und links im Parteienspektrum damit nach und nach immer unklarer. Ein Effekt von dieser Entwicklung ist, dass rechtspopulistische Parteien sich als Alternative zum Establishment inszenieren können und dass diese Strategie einen Reiz auf Bürgerinnen und Bürger ausübt, die aus welchen Gründen auch immer unzufrieden sind. Dies hat dramatische Folgen für die Wahrnehmung der Zuwanderung. An die Stelle des Klassenkampfes, der eine Einschließung der aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen einfordert, tritt die rassistische und chauvinistische Ab- und Ausgrenzung von denen die (sowohl mit rassistischem Asylgesetz als auch mit stumpfer Hetze) als nicht zur Gesellschaft gehörend markiert werden.

Jacques Ranciere schrieb 1994 in Das Unvernehmen:

„Offensichtlich ist die Schwelle der Unerwünschbarkeit keine Frage der Statistik. Vor zwanzig Jahren hatten wir nicht viel weniger Einwanderer. Aber sie trugen andere Namen: sie wurden Fremdarbeiter oder einfach Arbeiter genannt. Der Einwanderer von heute ist zuallererst ein Arbeiter, der seinen Namen verloren hat, der die politische Form seiner Identität und seiner Andersartigkeit, die Form seiner politischen Subjektivierung der Zählung der Ungezählten verloren hat. Es bleibt ihm also nur mehr eine soziologische Identität, die in anthropologische Nacktheit einer unterschiedlichen Rasse und Hautfarbe umkippt. Was er verloren hat, ist seine Identität mit einer Subjetivierungsweise des Volkes: Arbeiter oder Proletarier, Gegenstand eines erklärten Unrechts und das Subjekt, das seinem Streit Ausdruck verleiht. Es ist der Verlust des Einer-mehr der Subjektivierung, die die Einrichtung eines Einer-zu viel als Krankheit der Gemeinschaft bestimmt. Man hat lautstark das Ende der ‚Mythen‘ des Klassenkonfliktes gefeiert und ist sogar soweit gekommen, das Verschwinden der Fabriken, die aus der städtischen Landschaft radiert wurden, mit der Auslöschung der Mythen und Utopien gleichzusetzen. Vielleicht beginnt man jetzt die Naivität dieses ‚Anti-Utopismus‘ wahrzunehmen. Was man Ende der ‚Mythen‘ nennt, ist das Ende der Formen der Sichtbarkeit des kollektiven Raumes, das Ende der Sichtbarkeit des Abstandes zwischen dem Politischen und dem Soziologischem, zwischen einer Subjektivierung und einer Identität. Das Ende der ‚Mythen‘ des Volks, die Unsichtbarkeit des Arbeiters ist das Nichtstattfinden der Weise der Subjektivierung, die es erlaubten, sich als Ausgeschlossener einzuschließen, sich als Ungezählter zu zählen.“

* Wäre sie das, würde die Frage des Umgangs mit Flüchtlingen in unserer Gesellschaft am Ende durch die entschieden, die am meisten Pumpguns besitzen. Und das dürften zweifellos nicht zuletzt durch das staatliche V-Mann Finanzierungssystem am Ende doch die Nazis sein.

** vgl.: Marchart, Oliver (2011): Die politische Differenz

Demokratie gegen den Staat

Freitag, September 27th, 2013

Fest steht: Der Staat ist nicht das letzte Wort des Politischen, seine Erfüllung. Ganz im Gegenteil ist er nur die systematische und zerstörerische Form der Vielen im Namen des Einen.


Miguel Abensour

Organisierte Multitude?

Freitag, August 2nd, 2013

Multitude bezeichnet die Perspektive des Betrachtenden, nicht die des Teilnehmenden. Wenn du Teil der Multitude bist, fühlst du dich nicht so unbestimmt, wie der Begriff es suggeriert. Jede Multitude enthält viele Ministrukturen, Gruppen und Identitäten, Gemeinsamkeiten, Widersprüche und Unstimmigkeiten. Gerade aufgrund dieser Vielfältigkeit haben die neuen Protestbewegungen etwas sehr Wichtiges erreicht: Sie haben unglaubliche soziale Fähigkeiten entfesselt, und das ist extrem wichtig in einer Gesellschaft, in der wir alle als individualisierte Konsumenten erzogen werden.


Saskia Sassen, »Die Proteste machen den Fehler im System sichtbar«

Dimensionen der Differenz

Montag, Juli 22nd, 2013

Da ja Montag ist, und das Wochenende hinter uns liegt (wir alle hoffentlich ausgeruht sind), und die Schweinereien in Sachen NSA heute vermutlich noch nicht so hochkochen, weil Angela im Urlaub ist und in Berlin heut das In-die-Zange-nehmen des Thomas de Maiziere begonnen werden soll – nun zu etwas völlig anderem. Auf der Seite von analyse & kritik gibt es ein sehr spannendes Interview mit unterschiedlichen Aktivist_innen aus der Antira-Bewegung in Deutschland. Gestritten wird um die Critical Whiteness in Theorie und Praxis. Gut ist der Text, weil er immer wieder bei allen bestehenden Uneinigkeiten versucht die lähmungen in der Praxis zu überwinden in die die Frage gestellt wird, wie aufgezwungene Positionierungen überwunden werden können und ob und wie sie als Anlass für Erkenntnisse wichtig sind.