Posts Tagged ‘Béton brut’

Robin Hood Gardens: Requiem for a Dream

Mittwoch, Juni 10th, 2015

Noch einmal London, noch einmal sozialer Wohnungsbau. Dieses Mal aber nicht alles Kulisse für die Grime Geschichtsschreibung, sondern als Hauptperson. Die Robin Hood Gardens liegen fußläufig keine 20 Minuten vom U-Bahnhof Canary Wharf entfernt, jenem Territorium welches früher einmal die Docklands in Ostlondon waren und welches heute durch Glastürme wie in Manhattan geprägt ist. Geht man diesen Weg, von der Glas und Stahlwelt in Richtung der Robin Hood Gardens, ist es als ob man die Thesen über den Zusammenhang von Krise, Kapitalakkumulation und Urbanisierung in David Harveys Rebel Cities mit eigenen Augen sehen kann. Immer neue Bauten von Luxuswohnungen und Geschäftsräumen fressen sich in einen Stadtteil, der ärmsten und einer der reichsten zugleich ist.

Die Architectural Review besucht in diesem Video eines der Bauten, welches der Dynamik bald zum Opfer gefallen sein wird.

Owen Hatherley – A guide to the new ruins of Great Britain

Mittwoch, April 18th, 2012

Owen Hatherley hat Militant Modernism geschrieben, was sehr lesenwert ist. In diesem Vortrag spricht er über Ruinen, die die freie Marktwirtschaft hinterlässt. Der Gedanke, der Spur der Verwüstung zu folgen, die die kapitalistische Modernisierung mit sich bringt, ist auch in einem Bundesland wie Mecklenburg Vorpommern sehr interessant. Denn in Vorpommern etwa finden sich in einigen Orten wie z.B. in Franzburg und in Richtenberg noch Ruinen, die auf den Zusammenbruch der DDR zurückgehen. Daneben lassen sich aber auch leerstehende verlassene Gebäude finden, die verfallen, weil sich der freie Markt aus dem platten Land bereits wieder zurückzieht.

Dazu kommt noch: Hatherley ist Brutalismus-Fan. Im Vortag gibts also auch ein bisschen Plattenbaugeschichte. 😉

Thamesmead

Mittwoch, November 16th, 2011

Im Blog Zehnzeilentief wurde vor einiger Zeit die Frage nach der Faszination für Plattenbau-Fotografie trotz des offenkundigen Scheiterns der Ideen hinter den Sozialbauten aufgeworfen:

„Die Plattenbauweise ist nach der Wende zu einem Symbol für soziale Desintegration geworden, für Uniformierung und Hartz IV-Valium. Für Familiendramen und Filme über Ostdeutsche (es gibt da Überschneidungen) sind sie die liebsten Kulissen. Wir abgeklärten Altbaubewohner finden die Platte mittlerweile wieder ziemlich cool, bloß wohnen wollen wir da nicht. Wir fotografieren sie lieber.“

Das Beispiel der Siedlung Thamesmead nahe London zeigt aber, dass dies nicht allein oder nicht nur auf ostdeutsche oder osteuropäische bzw. post-sozialistische Platte zutrifft. Die modernistischen Hochäuser waren bereits in den 1970er Jahren Kulisse für Stanley Kubricks Verfilmung von A Clockwork Orange und schon damals wenige Jahre nach dem Bau der Wohnsiedlung wirkte die Idee, die sie realisieren sollten monströs und gescheitert. Und aus diesem Grund war sie immer wieder Kulisse.

Owen Hatherley schreibt in Militant Modernism unter anderem über Thamesmead. In seinem Buch sagt er an einer Stelle:

“If Modernity, or Modernism, is our Antiquity, then its ruins have become every bit as fascinating, poignant and morbid as those of the Greeks or Romans were to the 18th century.”

Plattenbauten fasziniert demzufolge also, weil sie Zeugnisse ablegen für die radikalen Versuche des Sozialismus bzw. der Sozialdemokratie ein anderes, neues und besseres Leben für die Menschen zu schaffen. Nach dem Ende der goldenen Ära der Sozialdemokratie im Westen und dem Zusammenbruch des Ostblocks triumphierte weltweit der Neoliberalismus. Dieser bekommt ja nun seit einiger Zeit immer mehr Risse und befindet sich auch ökonomisch in einer Dauerkrise. Wer weiß was wir demnächst fotografieren werden?