Posts Tagged ‘Post-Politik’

Post-Politik? Nein, danke!

Dienstag, August 26th, 2014

Jodi Dean hat im Jahre 2011 einen Text verfasst, in dem sie eine Kritik der Theoretiker*innen der radikalen Demokratie und deren These von einer Ära der Post-Politik vornimmt. Das Fazit des Textes ist ungewöhnlich aber im wahrsten Sinne des Wortes bedenkenswert.

… Links und Rechts teilen die gleiche Rhetorik der Demokratie, eine Rhetorik, die Ethik und Wirtschaft, Diskussion und Konkurrenz zusammenführt, sodass alles eine Version des anderen wird. Ein Angriffskrieg wird im Namen der »Verbreitung der Demokratie« geführt, während zur gleichen Zeit KritikerInnen dieses Kriegs dieselben Begriffe benutzen, um ihrer Opposition Ausdruck zu verleihen und diese zu imaginieren. Die moderne Linke findet sich also in einer Position des echten Sieges – des Sieges in der Niederlage.

Die enorme, vielleicht unmögliche Aufgabe besteht, so Dean mit Verweis auf Žižek, darin, nicht nur die alten (emanzipatorischen, etc.) Träume zu verwirklichen; sondern vielmehr die Art des Träumens neu zu erfinden.


Geschichte wiederholt sich nicht, aber… Anklam, Marzahn-Hellersdorf, Greiz

Sonntag, Oktober 6th, 2013

Anklam, Hellersdorf, Greiz – kommt der alte Rassismus vom Anfang der 1990er Jahre wieder? War er je weg? Und woher kam der vermeintlich alte Rassismus der 1990er Jahre überhaupt? Die aktuellen Meldungen über rassistische Bürgerproteste gegen Flüchtlingsunterbringungen werfen Fragen auf. Aus linker Perspektive ist dabei jedoch ein Fallstrick dringend zu vermeiden: das aufkommende Strafbedürfnis gegenüber dem dummen und verstockten Pöbel. Es ist absolut menschlich, dass die rassistischen Äußerungen von Bürgerinnen und Bürgern wütend machen – egal ob in Anklam, Hellersdorf oder Greiz. Den Pöbel bestrafen zu wollen, setzt voraus, dazu auch in der Lage zu sein – und das ist eine Herrschaftsperspektive. „Also mit Pumpgun durch Anklam, ganz entspannt im zweiten Gang anfahren“ (Waving The Guns) – ist Ausdruck einer Wut, aber keine verallgemeinerbare politische Strategie.* Wie aber umgehen mit dem aggressiven Abwerten, Bedrohen und Hetzen?

Die französischen linksheideggerianischen** Theorien der radikalen Demokratie haben sich bereits in den 1990er Jahren mit dem Aufkommen des aggressiven Rassismus seit den 1980er Jahren und dem Rechtspopulismus in den 1990er Jahren beschäftigt. Die vorgeschlagenen Antworten fallen mehr oder weniger ähnlich aus. Mit dem Zusammenbruch des Blockkonfliktes und der daraus folgenden Krise einer linken Utopie, tritt die liberale Demokratie ihren Siegeszug an und erklärt triumphierend das Ende der Geschichte. Mit diesem Eintritt in das post-demokratische Zeitalter geht eine Tendenz des Verschwindens ideologischer Alternativen einher. Konservative und sozialdemokratische Positionen werden in großen Koalitionen ununterscheidbar und der Unterschied von rechts und links im Parteienspektrum damit nach und nach immer unklarer. Ein Effekt von dieser Entwicklung ist, dass rechtspopulistische Parteien sich als Alternative zum Establishment inszenieren können und dass diese Strategie einen Reiz auf Bürgerinnen und Bürger ausübt, die aus welchen Gründen auch immer unzufrieden sind. Dies hat dramatische Folgen für die Wahrnehmung der Zuwanderung. An die Stelle des Klassenkampfes, der eine Einschließung der aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen einfordert, tritt die rassistische und chauvinistische Ab- und Ausgrenzung von denen die (sowohl mit rassistischem Asylgesetz als auch mit stumpfer Hetze) als nicht zur Gesellschaft gehörend markiert werden.

Jacques Ranciere schrieb 1994 in Das Unvernehmen:

„Offensichtlich ist die Schwelle der Unerwünschbarkeit keine Frage der Statistik. Vor zwanzig Jahren hatten wir nicht viel weniger Einwanderer. Aber sie trugen andere Namen: sie wurden Fremdarbeiter oder einfach Arbeiter genannt. Der Einwanderer von heute ist zuallererst ein Arbeiter, der seinen Namen verloren hat, der die politische Form seiner Identität und seiner Andersartigkeit, die Form seiner politischen Subjektivierung der Zählung der Ungezählten verloren hat. Es bleibt ihm also nur mehr eine soziologische Identität, die in anthropologische Nacktheit einer unterschiedlichen Rasse und Hautfarbe umkippt. Was er verloren hat, ist seine Identität mit einer Subjetivierungsweise des Volkes: Arbeiter oder Proletarier, Gegenstand eines erklärten Unrechts und das Subjekt, das seinem Streit Ausdruck verleiht. Es ist der Verlust des Einer-mehr der Subjektivierung, die die Einrichtung eines Einer-zu viel als Krankheit der Gemeinschaft bestimmt. Man hat lautstark das Ende der ‚Mythen‘ des Klassenkonfliktes gefeiert und ist sogar soweit gekommen, das Verschwinden der Fabriken, die aus der städtischen Landschaft radiert wurden, mit der Auslöschung der Mythen und Utopien gleichzusetzen. Vielleicht beginnt man jetzt die Naivität dieses ‚Anti-Utopismus‘ wahrzunehmen. Was man Ende der ‚Mythen‘ nennt, ist das Ende der Formen der Sichtbarkeit des kollektiven Raumes, das Ende der Sichtbarkeit des Abstandes zwischen dem Politischen und dem Soziologischem, zwischen einer Subjektivierung und einer Identität. Das Ende der ‚Mythen‘ des Volks, die Unsichtbarkeit des Arbeiters ist das Nichtstattfinden der Weise der Subjektivierung, die es erlaubten, sich als Ausgeschlossener einzuschließen, sich als Ungezählter zu zählen.“

* Wäre sie das, würde die Frage des Umgangs mit Flüchtlingen in unserer Gesellschaft am Ende durch die entschieden, die am meisten Pumpguns besitzen. Und das dürften zweifellos nicht zuletzt durch das staatliche V-Mann Finanzierungssystem am Ende doch die Nazis sein.

** vgl.: Marchart, Oliver (2011): Die politische Differenz

Kontraste-Beitrag zur Online Durchsuchung

Sonntag, Oktober 23rd, 2011

Konsensrepublik?

Dienstag, Juni 7th, 2011

Bei SpOn kann man sich in dem Artikel von Veit Medick und Philipp Wittrock zur Wende der CDU in der Atompolitik ein paradebeispiel post-politischen Denkens vor Augen führen. Die Autoren konstatieren, dass sich angesichts des letzten Manövers von Bundeskanzlerin Merkel und ihrem Umweltminister Röttgen der letzte große gesellschaftliche Konflikt in einem Konsens aufgelöst habe. Nun kann man sicherlich in Frage stellen, ob dies so richtig ist. Das beschwören des Endes der Ideologien ist allzu offenkundig selbst eine Ideologie. Zutreffend ist allerdings sehr wohl, dass die bürgerlich-ökologisch motivierten Protestbewegungen seit dem letzten Sommer wie in Stuttgart und im Herbst in Gorleben zu einer Repolitisierung führten und damit auch für das parlamentarische Establishment zu einem relevanten Faktor wurden. Die Rede vom „Einknicken“ macht keinen Sinn, wenn es nicht ein signifikanter Positionswechsel gewesen wäre, den Merkel vollzogen hat und das impliziert, dass es keinen Konsens gab. Nun könnten die Autoren einwenden, dass sie dies garnicht bestritten hätten, dass sie allerdings aktuell einen Konsens konstatiert haben. Ein Blick auf die Außenpolitik und die Schwierigkeiten der Realpolitiker auf die Demokratisierungsbewegungen in Nordafrika zu reagieren, zeigt allerdings dass die Welt mitnichten in einen abgeklärten welt-historischen Zustand eingetreten sei, in dem nichts neues mehr unter der Sonne geschehe. Ein Blick auf die rassistischen und rechtspopulistischen Reaktionen in Europa und in Deutschland zeigen, dass es sehr wohl Themen gibt an denen entlang sich im guten wie im schlechten Re-Politisierungen ereignen.
Der Artikel ist auch ein Paradebeispiel für den Unterschied von politischer und politikwissenschaftlicher Perspektive. Während sich aus der Sicht der ersteren die Frage stellt, wer anhand welches Themas welchen Gegensatz artikuliert und damit Politik „erzeugt“, stellen sich die Autoren die Frage, wie sich dies alles vom Standpunkt der Herrschaft und der Verteidigung des Innehabens derselben darstellt. Schaut man in die wirkliche Gesellschaft, finden sich eine Menge von Konfliktlinien, an denen entlang sich deutlich voneinander unterscheidbare Positionen einnehmen lassen. Die Frage ist nur, ob man das will?

P.S.: Les ich mir die Tage mal durch, aber als weitere Anregung ein Link zur aktuellen Kampagne von „um’s Ganze“

Radikale Politik

Donnerstag, Mai 19th, 2011

Vor einiger Zeit gab es hier auf dem Blog einen Link zu einem älteren Text von Slavoj Zizek. In diesem Pamphlet für die Le Monde Diplomatique hatte der slowenische Philosoph das Ende des postpolitischen Europas der Anpassung an den Weltmarkt beschworen. Dieses Europa der Brüsseler Technokratieexperten, das für kalte europäische Vernunft und gegen griechische Leidenschaft und Korruption, für die Mathematik und gegen das Pathos stehen würde, sei tot.

Tot sind die post-demokratischen Zustände noch nicht, aber ein Blick auf Griechenland und nun auch auf Spanien könnte der These, dass wir in einer Zeit der Re-Demokratiesierung und das heißt einer Re-Politisierung leben, höhere Plausibilität verleihen. Auf jeden Fall ist es nun schon seit Monaten ungeheuer spannend die aktuellen Ereignisse zu verfolgen. Und – es ist eine tiefe innerliche Befriedigung die sich ausbreitet, wenn immer neue Technokraten und Verwalter von Herrschaft ratlos
vor einem neuen Scherbenhaufen stehen, weil die Menschen nicht mehr mitspielen wollen.

In diesem Sinne noch einmal Zizek:

Aber so utopisch es erscheinen mag – die Tür für ein anderes Europa steht immer noch offen: die Tür für jenes Europa, das die antike griechische Demokratie, die Französische und die Oktoberrevolution hervorbrachte.

Slavoj Zizek: Zeit der Monster – Ein Aufruf zur Radikalität

Mittwoch, März 23rd, 2011

Okay, Europa ist tot; die Frage ist nur, welches Europa? Antwort: das postpolitische Europa der Anpassung an den Weltmarkt; das Europa, das in Referenden mehrfach abgelehnt wurde; das Europa der Brüsseler Technokratieexperten; das Europa, das für kalte europäische Vernunft und gegen griechische Leidenschaft und Korruption steht, für die Mathematik und gegen das Pathos.

Aber so utopisch es erscheinen mag – die Tür für ein anderes Europa steht immer noch offen: die Tür für jenes Europa, das die antike griechische Demokratie, die Französische und die Oktoberrevolution hervorbrachte.

In der Le Monde Diplomatique

Lutz Wingert über Post-Politik

Mittwoch, März 2nd, 2011

In dieser Vorstellung von Demokratie kommen die Bürger ohne Verbands- oder Investorenmacht hauptsächlich als Zuschauer vor. Ihnen bleibt das Recht, den vermeintlichen Entscheidern an Wahltagen Generalvollmachten auszustellen oder sie wieder zurückzunehmen.

Besonders interessant ist diese Frage in Bezug auf Deutschland seit den Protesten von Stuttgart 21 und dem Castor-Transport im Wendland im Herbst vergangenen Jahres, sowie der darauf folgenden Reaktion im politischen Diskurs. Denn diese eindrucksvollen basisdemokratischen Manifestationen wurden ja immer wieder als Gefahr für die Demokratie dargestellt. Wer sich fragt für welche Art der Demokratie der Protest eine Gefahr darstellt, findet in dem Artikel Antworten.

Stupsi, Flupsi und Karbunkel entdecken eine total angesagte Theorie

Dienstag, Juli 6th, 2010

Teile 2,3,4 bei Youtube

Slavoj Zizek – Living in the End Times

Sonntag, Juni 13th, 2010

Ist Rebellion mittlerweile überflüssig – Anmerkungen zum „neuen“ Heuler-Magazin

Samstag, Juni 12th, 2010

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ T.W. Adorno

Der Heuler, „Das Studentenmagazin der Uni Rostock, erschien im Mai in einem neuen Layout. Beim letztjährigen Pro Campus – Presse Award ist man unter den ersten fünf gelandet, doch auf diesen Lorbeeren sollte sich nicht ausgeruht werden- so heißt es im Editorial. Der Heuler ist ja eine dieser Publikationen, die man aus absoluter Langweile mal durchblättert, wenn sie irgendwo im Seminarraum rumliegen. Das neue Layout sieht da alles in allem wirklich mal interessant aus. Das Studentenmagazin kommt nach der Aufhübschung fast wie ein Hochglanz Popkultur-Magazin der besseren Sorte rüber.

Doch die beste Form kann einen schlechten Inhalt nicht retten. Damit soll nun garnicht eine Generalabrechnung mit dem ganzen Heft geleistet werden. Nach zweimaligem Durchblättern und sogar Mitnehmen nach Hause (Immerhin!) stieß mir aber ein Beitrag von Änne Cordes und Paul Fleischer mit dem Titel „Der Mainstream als neuer Underdog“ ziemlich übel auf. (mehr …)