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Lesen lernen, zu lesen als wenn unser Leben davon abhängt #8 – Unsystematisches Bibliographieren

Mittwoch, Mai 7th, 2014

Unsystematisches Bibliographieren oder auch „rückwärts“ Bibliographieren ist ein Verfahren zur Recherche, welches wie in einem „Schneeballsystem“ Ergebnisse produziert. Der Ausgangspunkt für das unsystematische Bibliographieren ist eine möglichst neue Abhandlung oder einen neuer Aufsatz zum Thema. Die Literaturangaben dieses Ausgangstextes (meist als Bibliographie im Anhang, bei Aufsätzen auch in den Fussnoten) werden dann systematisch auf Literatur durchsucht, die für die eigene Fragestellung relevant scheint. Auf die so gefundenen Texte wird dann das gleiche System erneut angewendet. Auf diese Weise kann man sich allerdings eben unsystematisch einen Bestand an Forschungsliteratur erschließen.
Das ganze funktioniert aber so ähnlich auch mit DJ-Mixen. Hier geht es dann nicht um einen Text im Sinne eines Aufsatzes. Gestern habe ich auch Twitter einen ReTweet des Budapester/Bristoler Künstlers DJ Madd in der Timeline gefunden.

Der von mir verfolgte und geschätzte bei Deep-Medi Musik veröffentlichende Compa hatte einen Tweet retweeted, weil er in dem Mix von DJ Madd mit einem Track vorkommt. Bei diesem Track, Murda Dub handelt es sich um eine neue Bearbeitung des Ini Kamozes‘ Klassikers.

Der Podcast in dem die Compa-Bearbeitung vorkommt heißt Roots and Future. Der Murda Dub passt perfekt in das Konzept dieses Podcasts, welches Roots Reggae mit Dub und Dubstep mixt und somit eine Kommunikation zwischen Vergangenheit und Zukunft herstellt. Es steckt allerdings nicht nur diese zeitliche Komponente in dem Podcast. Gerade Roots Reggae ist ja hinsichtlich der besungenen Motive stark auf Afrika, die Geschichte der Sklaverei und die Diaspora Erfahrung ausgerichtet. Diese Motive werden in der Spielform des Dubstep von DJ Madd aufgenommen, die auch Compas Werk prägen. Ein anderer Künstler aus Bristol – einer Stadt mit eigener Bass-Music Geschichte – der ebenfalls auf den Podcasts vertreten ist und unbedingt in diesen Zusammenhang gezählt werden sollte ist Kahn. Um über diesen Mix zu reflektieren, macht es Sinne über die Hardcore-Kontinuum Theorie hinaus zu gehen und eher den Begriff des Black Atlantic in das Zentrum der Überlegungen zu stellen.

„In short, the virologies of the Black Atlantic, from the riddim method method of Jamaican pop, to the sampladelia of U.S. Hip-hop, the remixology of disco, house and techno, and the hyperdub methodologies of the hard-core continuum, constitute a wealt of techniques for affective mobilization in dance.“ (Goodman (2010): 162 )

Nun noch eine kleine praktische Veranschaulichung, warum die Podcastserie ausgecheckt werden sollte: Auf den kleinen Geräte-Lautsprechern des Laptops klingt der Mix beim ersten Anklicken auf Soundcloud nur nach Roots Reaggae. Doch Johnny Osborns „Mr Marshall“ zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, weil Major Lazers „Jah No Partial“ wesentlich auf einem Sample von Osborn basiert und hier das Original zu hören ist. Ich lade runter.

Auf dem MP3 Player mit besseren Lautsprechern wird die ganze Angelegenheit aber schon deutlich interessanter. Vollends entwickelt der Mix seine Wirkung als ich ihn im Auto höre und merke wie der Rückspiegel unter den warmen Bässen zu vibrieren beginnt. Hier ist nicht nur zu hören, sondern auch zu fühlen was Steve Goodman in Sonic Warfare zum u.a. Gegenstand seiner Untersuchung macht: affektive Mobilisierung durch Sound, der teilweise für das menschliche Ohr gar nicht hörbar durch die Vibration des ganzen Körpers gefühlt wird und so wirkt.

Bass figures as exemplary because of all frequency bands within a sonic encounter, it most explicitly exceeds mere audition and activates the sonic conjunction with amodal perception: bass is not just heard but is felt. Often sub-bass cannot be heard or physically felt at all, but still transforms the ambience of a space, modulating it’s affective tonality, tapping into the resonant frequency of objects, rendering virtual vbrations of matter vaguely sensible. Bass demands more theoretical attention, as ist is too often equated with buzzing confusion of sensation and therefore the enemy of clear auditory perception and, by implication, clear thought. But for many artists, musicians, dancers, and listeners, vibratory immersion provides the most conducive environment for movements of the body and movements of thought. (Goodman (2010) 79)